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Ingelheim zur Zeit der sächsischen und salischen Könige (10.-12. Jh. n. Chr.)


Autor: Hartmut Geißler


Nach dem glanzvollen Beginn unter Karl dem Großen und - mehr noch - unter seinem Sohn Ludwig ist die Ingelheimer Pfalz etwa ein Jahrhundert lang wenig benutzt und wahrscheinlich auch nicht mehr gepflegt worden. Als aber im 10. Jh. die Herzöge aus dem norddeutschen Herzogtum Sachsen die Karolinger ablösten, als sie mit Heinrich I. den deutschen König stellten und mit dessen Sohn Otto I. auch wieder den "römischen Kaiser", da knüpften sie gezielt an karolingische Traditionen an, z. B. an die Krönung in Aachen, in der Lieblingspfalz Karls, und an Aufenthalte in der karolingischen Pfalz Ingelheim, wenn sie im Herzogtum Franken waren.

Classen (S. 105) weist auf die erste erneute Erwähnung der Ingelheimer Pfalz in jener Epoche hin, in den kurzen (exzerpierten) Salzburger Annalen, wo in einer "trockenen" Bemerkung zum Jahr 928 festgehalten ist: "Estas sicca fuit. Colloquium ad Ingilheim" (= "Der Sommer war trocken. Hoftag in Ingelheim".)

Die Ingelheimer Pfalz scheint also unter König Heinrich I. wieder zu einer Reichsversammlung benutzt worden zu sein.

Den Zeitpunkt dieses Hoftages vermutet Classen (trotz der Erwähnung nach dem trockenen Sommer) kurz vor oder kurz nach dem Weihnachtsfest, das Heinrich in Mainz gefeiert habe.

In dieser Zeit der sächsischen Könige (kurz oft "Ottonen" genannt wegen der Aufeinanderfolge dreier namensgleicher Könige) erlebte die Ingelheimer Pfalz Karls des Großen einen erneuten Aufschwung, sie wurde für große Feste, Synoden und Reichversammlungen renoviert und ausgebaut und hatte nun ihre zweite Blütezeit, die fast ein Jahrhundert anhielt. Ihr Ruhm wurde  im 12. Jahrhundert sogar legendär.

Belegte Herrscheraufenthalte (möglich sind  mehr):

Heinrich I. (919- 936) einmal: 928

Otto I. (936- 973) zehnmal: 937, 941, 948, 953, 956, 958, 961, 965 (2), 972

Otto II. (973- 983) dreimal: 976, 977, 980

Otto III. (983-1002) 13 (?) mal: 984, 935, 987, 988, 989, 990 (?), 992, 993, 994 (2?), 996 (2), 1000

Heinrich II. (1002-1024) sechsmal: 1006, 1008, 1009, 1011, 1017, 1018

Konrad II. (1024-1039) dreimal: 1024, 1030, 1036

Heinrich III. (1039-1056) zweimal: 1040, 1043

Heinrich IV. (1056-1106) zweimal: 1065, 1105

Heinrich V. (1106-1125) einmal: 1105 (zur Absetzung seines Vaters)


Für Theophanu, die byzantinischen Mutter des jungen Otto III., war die Ingelheimer Pfalz geradezu ein "Hauptstützpunkt ihrer Regierung" (Grewe). Nach seiner Kaiserkrönung in Rom 996 und unter einem anderen Berater (Gerbert von Reims) änderte sich das allerdings: Nun wurde Aachen die nach Rom zweite Residenz, Ingelheim musste zurücktreten. Eine gewichtige Rolle dürfte dabei auch Entfremdung Ottos III. von seinem vorherigen Vormund, dem Erzbischof Willigis von Mainz, gespielt haben.

Weil die Großen des Reiches in jener Epoche also nicht selten nach Ingelheim kommen mussten, beschafften sich einige sogar Bauplätze für feste Häuser, um nicht nur auf Zelte angewiesen zu sein. Denn die Pfalzgebäude selbst konnten bei weitem nicht alle hohen Gäste beherbergen.

Als Beispiel hier die Angaben aus einer Schenkungsurkunde Ottos III. vom 22.09.994 (aus Sohlingen bei Uslar am Solling!), Dipl. Ottos III, 147:

Wegen der bisherigen häufigen und hilfsbereiten Beherbergung seines Vaters (Ottos II.), seiner Mutter Theophanu und seiner eigenen Bewirtung durch Hugo ("servitium") schenkt Otto diesem einen Bauplatz in Ingelheim und ein Bauerngut in Ober-Ingelheim dazu: "... desiderio ac petitioni illius concessimus et dedimus infra curtem et palatium nostrum Inglinheim vocatum locum unum habentem sexaginta duos pedes in longitudine iuxta eum locum quem dedimus Argentinensis ecclesie Viderolto episcopo eiusdem mensure situm, ut ibi faciat aedificia sibi congrua in quibus manere possit, quotienscumque imperialis vel regalis conventus paschali aut alio tempore ibi habeatur..."

Übersetzung (Geißler):
... auf sein Verlangen und Bitten hin haben wir [ihm] überlassen und gegeben ein Grundstück ("locum") unterhalb (!) von unserem Hofgut und unserer Pfalz, genannt Inglinheim, von 62 Fuß in der Länge [ca. 20 m] neben dem Grundstück, das wir dem Bischof der Kirche von Straßburg, Wilderold, gegeben haben, mit denselben Maßen, damit er sich dort passende Gebäude errichten kann, in denen er unterkommen kann, sooft dort kaiserliche oder königliche Hoftage abgehalten werden, an Ostern oder zu einer anderen Zeit."

Wahrscheinlich hat es also zu jener Zeit der häufigen Benutzung der Ingelheimer Pfalz eine ganze Reihe solcher Gästehäuser gegeben, auf Streifengrundstücken nebeneinander, deren Streifenbreite selbstverständlich war und deshalb nicht angeben wurde, nur die Länge.

Streifenhäuser der römischen Vici hatten normalerweise eine Breite zwischen 5 und 16 m und eine Länge bis zu 40 m (das Haus!). Solche "mansiones" der Großen des Reiches sind nach Schmitz, Fiskus, S. 170, auch aus anderen Königspfalzen bekannt: aus Frankfurt, Regensburg, Pavia und Aachen. Wo in Ingelheim sie genau lagen, lässt sich diesem Wortlaut nicht entnehmen, wahrscheinlich an der heutigen Mainzer Straße.


Wichtige Ereignisse jener Epoche in Ingelheim:

- 941 setzte Otto seinen aufständischen Bruder Heinrich in Ingelheim in Haft.

- 948 Generalsynode in Anwesenheit König Ottos I. und des französischen Königs Ludwigs IV. zur Schlichtung innerfranzösischer Streitigkeiten um Reims

- 972 im Herbst wieder eine große Synode für die gesamte deutsche Kirche

- 980 zu Ostern wieder eine große deutsche Synode unter Otto II.

- 1017 Heinrich II. feiert ein prächtiges Osterfest in Ingelheim

- 1018 feiert Heinrich das Pfingstfest in Ingelheim

- 1030 Osterfest Konrads II., Synode, Hoftag und Hochverratsprozess gegen den Schwabenherzog Ernst

- 1036 Konrad II. feiert das Osterfest in Ingelheim

- 1040 Heinrich III. feiert Ostern (6. April)

Dies war das letzte königliche Osterfest in Ingelheim, als Heinrich hier seinen Umritt durch das Reich nach der Regierungsübernahme beendete. Sein Aufenthalt dauert bis Ende April. Es kommen u.a. burgundische Große, dem König zu huldigen, und Erzbischof Aribert von Mailand, dem durch Vermittlung der versammelten Fürsten Versöhnung gewährt wird. Drei Jahre später folgte noch Heinrichs Hochzeitsfest und damit die letzte große Reichsfeier in der Ingelheimer Pfalz.

- 1043 Hochzeitsfest Heinrichs III. mit Agnes von Poitou

Was sich ein halbes Jahrhundert später hier abspielte, war nur mehr ein trauriges Ereignis:

- 1105, am 31. Dezember, wird Heinrich IV. von seinem Sohn in Ingelheim zur Abdankung gezwungen, in Anwesenheit von Fürsten des Mainzer Hoftages.


Diese Vorgänge zeigen, dass sich das Leben im 11. Jh. wandelte; für Hoftage bevorzugt bzw. benötigt wurden nun nicht mehr ländliche Pfalzen wie Ingelheim, sondern die durch anwachsenden Handel aufblühenden Städte: z. B. Worms, Mainz, Frankfurt.

Ein wichtiger Grund dafür könnte die damit verbundene wachsende Geldwirtschaft gewesen sein, die es auch dem königlichen Hof ermöglichte, die Versorgungsleistungen nicht mehr nur auf ländlich-naturwirtschaftlicher Grundlage zu beziehen, sondern zunehmend auf städtischen Märkten gegen Bezahlung.

Festtage mit Festkrönungen (s.u.) wurden nun in Bischofsstädten gefeiert. Zu diesem Zweck erhielten viele Bischofskirchen schon unter Heinrich II. ausgedehnte Schenkungen an Grundbesitz und Hoheitsrechten, eine Tendenz, die sich unter seinen Nachfolgern fortsetzte. Die großen Dombauten sind ein eindrucksvolles Zeichen dieses Wandels: Dome in Mainz, Lüttich, Worms, Basel, Paderborn, Merseburg, Straßburg und Speyer - der Speyerer Dom, das Symbol eines Kaiserdomes schlechthin.

Im Vergleich dazu, stellt Classen, S. 120, fest, war die Ingelheimer Pfalzkirche nur "ein bescheidenes und altmodisches Kirchlein". Bild: die heute sog. "Saalkirche"


Ihre Baugeschichte wurde durch die Grabungen von Sage, Ament und Wengenroth in den 1960er Jahren verlässlich erforscht. Holger Grewe übernahm diese Ergebnisse und hat sie 2005 im nördlichen Seitenschiff der Kirche in Texten und Bildern dargestellt. Begonnen wurde sie als einschiffiger Kreuzkirchenbau mit halbrunder Apsis; in der Folgezeit erlebte sie manche Umbauten, Zerstörungen und Wiederaufbauten. Siehe auch Ball und Henn!

Besichtigung (normalerweise): Eingang durch die Tür des nördlichen Querschiffes; Öffnungszeiten wie das Museum

Osterfestkrönungen

Während die karolingische Pfalz in Ingelheim einen vorwiegend weltlichen Charakter gehabt hatte, wandelte sich ihre Funktion unter den Ottonen zu einer derjenigen Pfalzen, in denen in enger Verflechtung von weltlicher Macht und geistlicher Organisation (imperium und sacerdotium) große Reichstreffen mit kirchlichen Treffen kombiniert wurden.

Denn die neuen Könige benutzten die renovierte und umgebaute Pfalz in Ingelheim außer zu Hoftagen häufig zu Bischofssynoden und Festtagsfeiern an Ostern (kaum jedoch an Weihnachten - nur einmal 1029 nach den Hildesheimer Annalen - und selten an Pfingsten). Sie wurden stets begleitet von "Festkrönungen", unter den Ottonen mindestens siebenmal in Ingelheim, unter den Saliern noch mindestens dreimal.

Für diesen politisch-religiösen Repräsentationsbedarf waren die beiden bisherigen kaiserlichen Pfalzkapellen, ein kleiner Trikonchenbau und auch dessen etwas größerer Nachfolgebau, deren Fundamente Holger Grewe 2005 nachgewiesen hat, wohl zu klein, so dass nun (um 950) eine neue große Pfalzkirche im rechten Winkel zur Aula Regia gebaut wurde, die seit 1939 so genannte Saalkirche (s.o.), in der vermutlich die feierliche Ostermesse in Gegenwart des gekrönten Königs und der Königin stattfand.


Was wissen wir über die Ingelheimer Verhältnisse jener Zeit?

Classen stellte fest: "Und doch vermag auch diese Zeit den Geschichtsschreiber des Ortes nicht voll zu befriedigen. Was wir erzählen können, das sind die Ereignisse weniger Tage und Wochen, an denen der Herrscher und seine Umgebung sich am Orte aufhielten. Von dem Orte selbst und seinen Bewohnern dagegen erfahren wir fast überhaupt nichts.

Es klingt wie eine Ironie, aber die einzigen, von denen wir wissen, daß sie längere Zeit am Ort gewohnt haben, waren die Gefangenen; denn Ingelheim diente auch als Gefängnis für Personen fürstlichen Ranges. Heinrich, der Bruder Ottos des Großen, wurde etwa vom Mai bis Dezember 941 dort festgesetzt, bis er am Weihnachtsfest in Frankfurt des Königs Verzeihung erhielt; und sein Sohn Herzog Heinrich II. von Bayern, "der Zänker", war vom Sommer 974 bis zum Beginn des Jahres 976 in Ingelheim der Gefangene seines Vetters, Kaiser Ottos II.

Unwillkürlich erhebt sich die Frage, wer die Pfalz in Abwesenheit des Königs verwaltete, wer für die Bewahrung der Gefangenen verantwortlich war; eine Frage, die um so brennender wird, als es beiden Heinrichen gelang, sich zu befreien. Wir hören nur, daß 941 ein Diakon der Mainzer Kirche seine Hand im Spiel gehabt haben soll, erfahren aber nichts über die eigentlichen Wächter und Verwalter der Pfalz". (S. 115)

Befriedigende Antworten auf diese Fragen gibt es bis heute nicht. Aber, um einen Vergleich mit unseren Zeit zu wagen: Was weiß man gemeinhin über das Leben der Einheimischen in beliebten Urlaubsgebieten, die doch jeder zu kennen glaubt?

Classen kann wenigstens ein Faktum anschließen, das aber auch nicht viel Aufschluss bringt: Ingelheim war in jener Zeit - ähnlich wie in der Römerzeit - durch Rechte und Pflichten noch eng mit der benachbarten Metropole Mainz verbunden. Wie andere Dörfer beiderseits von Rhein und Mainmündung waren auch die Ingelheimer zur Instandhaltung von 25 Zinnen der Mainzer Stadtbefestigung verpflichtet (Tribur 30, Nieder-Olm 24, Oppenheim mit Dienheim 18, Algesheim 16 Zinnen). Dafür genossen sie Schutzrecht in der Stadt und Abgabenfreiheit auf ihren Märkten.


Funktionswandel

Auch nach dem Ende der häufigen Nutzung der Ingelheimer Pfalz blieben sie und das damit zusammenhängende Reichsgebiet, der später sogenannte "Ingelheimer Grund" mit seinen Dörfern, Königsbesitz, und die Einheimischen blieben reichsunmittelbar, ob Adlige oder nicht, sie blieben Mannen des Königs. Und diejenigen Erträge ihrer Höfe, die ursprünglich für den Unterhalt der Pfalz gedacht waren, flossen weiterhin in die königliche Kasse. Die ehemalige Pfalz aber machte einen Funktionswandel durch. Denn spätestens seit der Stauferzeit wurde aus der repräsentativen Treffpunkt-Pfalz Karls des Großen eine burgähnliche Anlage, mit Wehrmauern umgeben und gewiss auch mit Burgmannen, die nun das alte und nach Süden erweiterte Pfalzgelände, jetzt nur noch "Ingelheimer Saal" genannt, bewohnten und für ihre Zwecke umbauten: Die Pfalz wurde zur Burg.

 

Gs, erstmals: 12.08.07; Stand: 26.04.12