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Natalie von Harder

* 1805 St. Petersburg † 1882 Frankfurt am Main

Erstautorin: Margarete Köhler (2000)
überarbeitet von Hartmut Geißler ab 2009 und 2019 mithilfe von
Nieraad-Schalke

Natalie von Harder wurde am 17. Oktober 1805 geboren (Datum des Beerdigungsbuches Frankfurt/Main), in St. Petersburg als einzige Tochter des vermögenden deutsch-jüdischen Kaufmanns und Bankiers Ludwig Stieglitz. Dieser konvertierte zum Christentum und wurde vom Zaren geadelt. Seine Bank Stieglitz & Co wickelte den internationalen Zahlungsverkehr des Zarenreiches ab und gestaltete die Industrialisierung des Zarenreiches in großem Maße mit. Natalies Bruder, Alexander Baron Stieglitz (1814 - 1884), wurde Chef der russischen Staatsbank.

1824 heiratete Natalie mit 19 Jahren nach dem Willen ihres Vaters den königlich niederländischen Generalkonsul in St. Petersburg, David Johann von Harder (1797-1871).  Natalie bekam fünf Kinder: Emilie Natalie (1829-1894), Ludwig Wilhelm (1831-1890), Alexander Georg (1832-1879), Natalie Caroline (1833-1911) und David Johann (1838-1882).

Die Tatsache, dass dieser nach 1853 das gleiche Amt in Frankfurt am Main innehatte, mag einer der Gründe dafür sein, weshalb die von Harders sich vorwiegend im Mittelrheingebiet aufhielten. Die Familie resisierte in prächtigen Wiesbadener und Frankfurter Villen.

Natalie, die offenbar den Geschäftssinn ihres Vaters geerbt hatte, verfügte selbständig über ein beträchtliches Vermögen. Man unterhielt Häuser in Frankfurt und Wiesbaden und führte an beiden Orten einen aufwendigen Haushalt.

Als sich die Gelegenheit bot, in Nieder-Ingelheim Haus und Grund zu erwerben, richtete man sich zusätzlich im Gebiet der ehemaligen Pfalz einen Sommer-Wohnsitz ein, der Zug um Zug vergrößert wurde. Denn der baltische Edelmann Gustav Johann Freiherr von Mengden, vermutlich ein Bekannter der von Harders, war aus Geldnot 1855 gezwungen, seinen Ingelheimer Besitz zu veräußern. So konnten sie den ganzen nordwestlichen Teil des historischen Pfalzbezirks, die ehemalige kurpfälzische Schaffnerei, erwerben und zu einem noblen Landsitz mit Park ausgestalten, beides heute nicht mehr vorhanden. Hier verbrachten die von Harders über 15 Jahre hinweg die Sommerzeit im dörflichen Nieder-Ingelheim, in Nachbarschaft zweier anderer nobler Landsitze, der Villa Padjarakan der de Roocks und der Villa Carolina der von Erlangers.

Hardersches Haus ca. 1865 mit Blick auf Remigiuskirche

Natalie von Harder empfand, am Vorbild ihres verehrten Vaters orientiert, ihren Reichtum stets auch als Verpflichtung vor Gott, sich der Notleidenden tatkräftig anzunehmen. Die Bewältigung von Krankheit und Invalidität waren im damaligen Gesellschaftssystem noch nicht gesetzlich abgesichert. Dies mussten private Wohltätigkeits-Initiativen ersetzen.

Als 1858 die Gemeinde Nieder-Ingelheim ein dreistöckiges Wohnhaus im Heidesheimer Weg aus Mitteln des Hospitalfonds ankaufte, unterstützte Natalie von Harder das Vorhaben finanziell und organisatorisch so maßgeblich, dass man sie als Gründerin dieses Ludwigstifts (benannt nach Großherzog Ludwig III. von Hessen) bezeichnen kann.

Es umfasste eine Unterkunft für Alte und Pflegebedürftige sowie eine Kinderbewahranstalt. In zwei Kriegen diente es außerdem als Lazarett. 1999 wurde das Gebäude abgetragen, um einem Neubau Platz zu machen.

Sie half aber auch z. B. dem Sohn des in Ingelheim unterrichtenden Lehrer Anton Grooß mit finanzieller Unterstützung seines Studiums an der Universität. Grooß erinnert sich:

"August war in Darmstadt fertig, er sollte auf die Universität. Wo Geld hernehmen? ... Es war mir von Freunden mehreremal geraten worden, mich an die Frau von Harden zu wenden, die ja, sagte man mir, jedes Jahr 50 000 Gulden für wohltätige Zwecke gemäß einer Stiftung ihres Vaters, des Barons von Stieglitz, aufwenden müsse. Sie habe schon mehre junge Leute in ähnlicher Weise unterstützt. Es kam mir sehr schwer an, den Schritt zu tun. Aber Not lehrt beten. Ich wandte mich schriftlich an Frau von Harden, und am dritten Tag kam Antwort, worin sie sich zunächst entschuldigte über die Verspätung - der Brief habe sie nicht in Wiesbaden angetroffen und sei ihr nach Mannheim nachgesandt worden. Sie freue sich, einem bedrängten Familienvater einen Teil seiner Sorgen abnehmen zu können, ich solle an einem bestimmten Tage nach Wiesbaden kommen mit meinem Sohn, um die Höhe der nötigen Summe zu bestimmen. Sie nahm uns mit großer Liebenswürdigkeit auf, und so war mir eine große Sorge abgenommen. August wäre ohne diese Frau heute nicht Direktor an der Ludwigseisenbahn. Ich kann ihr nie das Werk der Menschenliebe vergessen, und August sollte es noch weniger."

Nach dem Tode ihres Mannes zog sich Frau von Harder aus ihrem Ingelheimer Besitz zurück und lebte in Frankfurt, wo sie 1882 verstarb. Weil die Familie ihres Schwagers Lewis von Harder ein Begräbnisrecht auf dem Friedhof der Nervenheilanstalt Illenau (in Aachern/Baden) erworben hatte, wurde Natalie von Harder dort ebenso wie ihr Mann David Johann beigesetzt. Ein Grabmal erinnert noch an sie. Auffällig ist die Angabe der Tage sowohl in hiesiger als auch in russischer Kalenderzählung. Dem Steinmetz oder seinem Auftraggeber ist dabei aber ein Irrtum im Geburtsjahr unterlaufen, denn sowohl nach dem Frankfurter Sterbebuch als nach dem Beerdigungsbuch des Hauptfriedhofs ist sie am 17.10.1805 geboren, nicht 1806.

Die folgenden Fotografien verdanken wir Herrn Walther Stodtmeister.

Grabmal David von Harder

 

In Ingelheim erinnert ein Straßename an der Westseite der ehemaligen Pfalz daran, dass die einstige Wohltäterin mit ihrem Mann in diesem Bereich ein prachtvolles Anwesen besessen hat.

Literatur

 

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Gs, erstmals: 08.06.09; Stand: 10.11.19