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Fabelwesen in Africa und India


Autor: Hartmut Geißler
unter Heranziehung von Burmeister und Wessel


Fabelwesen in Afrika und Asien aus der Cosmographie 1545, S. 809 und 752:

"... Bey den Garamanten ist auch ein Brunn, der hat ein solich wunderbarlich natur, daß er bey tag grimkalt ist und zu nacht siedent heiß.

Man schreibt sunst auch von vilen und mancherleien monstris so in disem land söllen gefunden werden, besunder daß etlich menschen kein leffzen haben zu reden sunder brauchen zeichen wie die stummen.

Etlich sollen nit mere dann ein aug in der Stirn haben, etlich haben kein kopf, sunder ire augen ston in der brust, etlich haben nit mere dann ein fuß, und mit dem lauffen sie schneller dann die zweifüssigen menschen.

Aber diser wunder hat man kein gewisse kundschaft, wiewol etlich dapfer meener von den alten darvon geschriben haben und angezeigt, daß sie in der natur werden gefunden. Plinius der gros natürlich meister [d.h. in der naturalis historia] schreibt, daß der gros mangel des wassers in Africa ein ursach syhe der seltzam gestalten thiern ..."

Von ähnlichen Fabelwesen berichtet Münster auch aus Asien (Indien), antiken Autoren folgend (Cosmographie 1545, S. 752):


"Es haben die alten auch gar vil seltzamer monstra erdichtet die in disem land solten erfunden werden, besunder schreiben darvon Megastenes unnd Solinus daß in Indianischen bergen menschen seind die haben hunds köpf und mäuler wie die hund, und darumb können sie nit reden sunder heülen und bellen wie die hund. Item ein ander volck wirt in India gefunden die werden graw geborn, und im alter wirt ir har schwartz, leben auch fast lang [?].

Es seind auch weyber darin die empfahen und geberen so sie fünff jar alt werden, aber ir leben streckt sich nit über acht jar.

Andere menschen sollen auch darin sein, die werden mit einem aug geborn. Etliche haben kein köpff, sunder ir antlit stat in der brust. Darnach seind andere die haben nit mere dann ein fuß, mit dem hupffen sie so schnell das inen kein zweyfüssiger mag zu lauffen. Und wan sie die sonn mit grosser hitz brent, legen sie sich an rucken und machen in selbs mit irem fuß ein schatten.

Es schreibt auch Plinius das bey dem berg Imao in einem thal leüt seind, die haben umgekert füß, und haben doch ein schnellen lauff. Er schreibt weyter von andern leüten die wonen bey dem ursprung des Ganges die haben kein meüler und essen oder trincken auch nit, sunder sie leben allein von dem geruch wilder öpffel. Und so sie etwan ein bösen geschmack in sich fassen, sterben sie daruon. Der gros Alexander sol dieser etlich in seinem höre [=Heere] haben gehabt.

Es schreiben auch etliche das man leüt in disem land findt die haben so lange oren, das sie inen lampen [=langen?] bis uff die erd, schlaffen daruff, und werden auch so hert [=hart?] und starck das sie bäum darmit außziehen. Es sollen auch in disem land die klein zwerch männlin seind, die man Pigmeos nent, die kein friden haben vor den kränchen [=kranichen] dann alein zu den zeiten so sie härauß zu uns fliegen..."


Man fragt sich natürlich, ob Sebastian Münster selbst an die Existenz solcher Wesen geglaubt hat. Dieser Annahme steht aber völlig seine sonstige nüchterne Wissenschaftlerexistenz entgegen, die man seinen Briefn sehr eindeutig entnehmen kann. Er selbst vertraute immer mehr den eigenen Augen als dem Hörensagen. Auch einige Formulierungen dieser oben zitierten Geschichten deuten auf eine innere Distanzierung Münsters hin: "aber diser wunder hat man kein gewisse kundschaft" bei dem Afrikatext und "vil seltzamer monstra erdichtet" im Asientext.

Warum berichtet er trotzdem darüber? Wessel, der sich auf einigen Seiten mit dieser Frage befasst, weist darauf hin, dass solche Darstellungen Stereotypen sind, die schon in antiker Reiseliteratur immer wieder vorkommen, ebenso wie in den Berichten von Münsters zeitgenössischen Entdeckungsfahrern; man lese nur die Darstellungen Amerigo Vespuccis über seine Fahrt an Südamerikas Küste entlang!

Auch Kolumbus schmückte seine Bordbücher mit solchen Kreaturen.

Also: Ungewöhnlich war dies nicht. Im Übrigen dürften auch handfeste verlegerische Verkaufsinteressen zur Aufnahme solcher Fantasy-Geschichten in die Kosmographie beigetragen haben, ebenso wie bei den Berichten über Nackte in Amerika, über Menschenfresser und siamesische Zwillinge - es waren Konzessionen an die Sensationslust seiner Leser, zu denen ihn auch sein Verleger, sein Stiefsohn Heinrich Petri, gedrängt haben könnte.

Jedenfalls setzte Petri diesen Kurs zusammen mit seinem Nachfolger auch nach Münsters Tod fort.

Es war ein Heiterkeit auslösender Zufall, liegt aber wohl in der Natur der Sache, dass ich am selben Tag, als ich die Seite über die siamesischen Zwillinge gestaltete, einen ganz ähnlichen Kurzbericht mit Bild in der "Bild-Zeitung" fand.

Ich denke, dass solche Erwägungen den Verdiensten Münsters keinen Abbruch tun, denn erst wenn man selbst die Kosmographie intensiv durcharbeitet, um sie im Internet darzustellen, fängt man an zu ermessen, welche Riesenarbeit Münster zusätzlich zu seinem eigentlichen Beruf als Hebräisch-Dozent geleistet hat!

Bei beiden Abbildungen ist übrigens von späterer Hand der Genitalbereich übermalt worden, da anscheinend manche Leser an der relativ umfangreichen Nacktheit in Text und Bild der Kosmographie Anstoß nahmen.


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Gs, erstmals: 28.08.06; Stand: 01.03.17