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Der jüdische Lehrer Ludwig (Louis) Langstädter


Autor: Hartmut Geißler
nach: Meyer/Mentgen, S. 369 ff.


Ludwig Langstädter (mit Synagogennamen: "Louis") stammte aus Unterfranken, wo er am 6.4.1879 in Memmelsdorf geboren wurde. Schon vor dem April 1908 muss er nach Ober-Ingelheim gekommen sein, während seine erste Frau Mathilde, geb. Stern, am 8.4.1908 den gemeinsamen Sohn Kurt noch in Schwanfeld geboren hat.

In Ober-Ingelheim hat Langstädter vermutlich die Stelle des jüdischen Lehrers Krämer übernommen, der im März Ingelheim verlassen hatte. Er gab jüdischen Religionsunterricht an der "Höheren Bürgerschule" in Ober-Ingelheim.

Siehe Bildungswesen auf der Seite "Juden in Ingelheim" unter f).

Nur unterbrochen von seinem Militärdienst (vom 02.08.1914 bis Ende 1918) war er bis 1933 Religionslehrer für Schüler und Schülerinnen "mosaischen Glaubens", wie es auf den damaligen Abgangszeugnissen hieß, an dieser einzigen weiterführenden Schule der Ingelheimer Orte. Es waren (nach Meyer S. 371) in den verschiedenen Schuljahren jeweils aus mehreren Klassen (Jungen und Mädchen):

1907/08 -   9 Schüler
1910/11 - 17 Schüler
1911/12 - 20 Schüler
1914/15 - 16 Schüler

1929/30 -   5 Schüler
1931/32 -   6 Schüler
1933/34 -   6 Schüler

Ich selbst habe im Schularchiv die Anzahl der jüdischen Schulabgänger dieser Schule von 1895 bis 1936 ermittelt und bin auf einen Prozentsatz von 11% über alle diese Jahre hinweg gekommen.

Während sich für die Jahre vor 1929 keine weiteren Spuren seiner Tätigkeit erhalten haben, findet sich seine Unterschrift auf der Vorschlagsliste der Kandidaten für die Demokratische Partei zur Gemeinderatswahl von Ober-Ingelheim für den 17.11.1929.

Schon bald nach der Machtergreifung der Nazis bemühten diese sich, Ludwig Langstädter, weil er Jude und Demokrat war, aus dem Dienst zu entfernen. Ähnliches geschah mit seinem nichtjüdischen, aber pazifistischen Kollegen Karl Balser.

Am 11.03.1933 meldete die Ingelheimer Zeitung, dass Langstädter an der Ausübung seiner Tätigkeit gehindert worden, aber seit dem 10.03. wieder im Amt sei. Am 17.03. folgte die Meldung: "Amtlich wird mitgeteilt: Beurlaubt wurde Lehrer Ludwig Langstädter." Und am 11.05.: Er sei nun "seines Dienstes enthoben" worden. Eigentlich hätte er in diesem Jahr 1933 sein 25jähriges Dienstjubiläum feiern können.

Damit geriet Ludwig Langstädter mit seiner Familie in bittere Armut, was ja von den Nationalsozialisten auch beabsichtigt war; denn vom Dienst in der Synagoge (als Rabbiner-Vertreter) oder von etwas Privatunterricht für jüdische Schüler konnte die Familie kaum leben, zumal die wirtschaftliche Situation der anderen jüdischen Familien in Ingelheim durch den wachsenden Verdrängungs- und Enteignungsdruck der Nazis gleichfalls immer schwieriger wurde.

Hans-Georg Meyer (S. 373) berichtet, was seine Recherchen über seine Person weiter ergeben haben:

Über das schulische Wirken von Langstädter liegen im einzelnen keine schriftlichen Unterlagen vor. Was angenehm auffällt, ist, daß alle Zeitzeugen, mit denen ich [Hans-Georg Meyer] sprechen konnte - jüdische und nicht jüdische - positiv von Lehrer Langstädter redeten. So hat der verstorbene Apotheker Karl Zerban 1991 in einem Gespräch u. a. erzählt: Langstädter war mein Klassenlehrer. Er hat über der Synagoge gewohnt und er war ein normaler Lehrer.

Die Juden waren immer strebsam und sehr familiär. Der Langstädter war ein sehr ruhiger, in sich gekehrter Mensch. Er hat so schon nicht viel gelacht, aber nachher hatte er ja gar nichts mehr zu lachen. Er wurde schwer mißhandelt, auch seelisch.

Die mußten mit der Schippe 'rummarschieren und wurden dann später abtransportiert. Auf dem Marktplatz standen die LKWs, wo die Leute rauf mußten und weggefahren wurden, es war schrecklich.

Ein konkretes Vorkommnis wird aus dem Bereich der Pfarrei St. Michael in Ober-Ingelheim erzählt. Vom 10.5.1933 bis zum 1.5.1936 war der Kaplan Dr. Jakob Bergmann zur Unterstützung des schon alten Pfarrer Schäfers eingesetzt. Er hatte den Rabbiner-Vertreter und Lehrer Langstädter aus Ober-Ingelheim auf dem gemeinsamen Heimweg vom Bahnhof begleitet.

Dabei wurde er fotografiert. Das Bild erschien im August 1935 im „Stürmer“ Nr. 34 mit der Überschrift: „Rabbiner und Kaplan. Nachkommen der Christusmörder und Verkünder des Evangeliums in gleicher Front." Vorausgegangen war ein Besuch des Kaplans bei Herrn Langstädter, der von „Helden der NS-Bewegung“ blutig geschlagen worden war. Er wollte ihm seine Anteilnahme bezeugen und ihn wissen lassen, daß er diese Brutalität entschieden verurteile. In Ingelheim hing die „Stürmer“-Nr. mit dem Foto lange Zeit rot umrahmt im Schaukasten. Unter dem Foto stand als Text zu lesen: "Auf dem Bilde sehen wir den Rabbiner der Ingelheimer Judengemeinde Langstädter mit dem Oberingelheimer Kaplan Bergmann auf dem Heimweg vom Bahnhof Ingelheim. In Ingelheim macht man sich seine Gedanken darüber: der Prediger der Nachkommen der Christusmörder in Begleitung eines Priesters, der das Evangelium predigt. Der Herr Kaplan predigt aber auch den Haß gegen das neue Reich und so passen sie gut zusammen. Der Rabbiner und der Kaplan."

Lageplan der ehemaligen Synagoge aus Meyer/Mentgen, S. 416, bei der die Familie Langstädter wohnte; Zeichnung: Architekturbüro Haag, Ingelheim
Luftbild der hell herausgehobenen Synagoge, links davor (?) das Wohnhaus der Langstädters (Übernahme der Abbildung mit freundlicher Erlaubnis des DIF)

Während des Pogroms am 10. November 1938, als auch die Ingelheimer Synagoge zerstört wurde, demolierten NSDAP- und SA-Leute unter Führung der beiden Ober-Ingelheimer Volksschullehrer Adolf Mathes und Gustav Hermann mehrere Wohnungen jüdischer Ingelheimer, darunter auch die von Ludwig Langstädter:

"SA-Leute drangen in die Wohnung des Lehrers und Kantors Ludwig Langstädter [Stiegelgasse 25] ein, schlugen dort alles kurz und klein und warfen Sachen zum Fenster hinaus. Der Ober-Ingelheimer Willi Dapper drohte, mit einem Hammer in der Hand, die Wohnungsinhaber zu erschlagen. Langstädter und seine Ehefrau Betty fürchteten um ihr Leben und flüchteten durch das Fenster zur Straße."

Weitere zerstörte Wohnungen und Geschäfte waren diejenigen von der jüdischen Metzgerei Strauß, vom Viehhändler Alfred Mayer und von den Familien Schäfer, Rafael, Neumann und Eisemann. (Meyer, Gefolgschaft, S. 453)

 

 

 

 

 

 

(Weiter Meyer-Mentgen, S. 373):
"Im März 1939 mußte die Familie Langstädter ihr Haus ... verkaufen ..."

 

 

 


"Ludwig (Louis) Langstädter und seine Frau Elisabetha (Betty) geb. Kahn lebten ab November 1938 in Mainz in der Unteren Zahlbacher Straße 11. Beide sind in einer Transportliste mit der verlogenen Überschrift Wohnsitzverlegung nach dem General Gouvernement unter den Nummern 607 und 608 aufgeführt. Am 30. September 1942 wurden sie von Mainz aus in ein Vernichtungslager im Osten deportiert, wo sie den Gaskammern nicht entkommen sind."

Im Jahre 2010, anlässlich der Einweihung der Nord-Ost-Umfahrung, wurde die neue Erschließungsstraße auf dem Gänsberg, die zum Neubau der Realschule, zum Haus der Jugend ("Yellow") und zur Turnhalle der TG Nieder-Ingelheim führt, nach ihm benannt: "Ludwig-Langstädter-Straße".

 

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Gs, erstmals: 24.01.12; Stand: 23.02.17