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Die Rede des NS-Landesbischofs Dr. Dietrich


Autor: Hartmut Geißler
aus: Huber, Geschichte, S. 161-163


Als Anhang seines Beitrages fügt Huber Auszüge einer Rede-Abschrift an, die der von den Nationalsozialisten 1933 eingesetzte Landesbischof Dr. Ernst Ludwig Dietrich am 8. Dezember 1934 in der Ober-Ingelheimer Turnhalle hielt. In ihr stellte er seine Vorstellungen von einem deutschen Christentum dar, aber drohte auch unverhüllt und in der üblichen großsprecherischen Diktion damaliger Nazis möglichen Oppositionellen.

Erstaunlicherweise konnte fünf Tage später, ebenfalls in dieser Turnhalle, eine Veranstaltung der Bekennenden Kirche stattfinden, in der sich Pfarrer Karl Schmidt aus Alzey von der Bekennenden Kirche kritisch mit der Rede Dr. Dietrichs auseinandersetzte, die in Ober-Ingelheim Empörung ausgelöst hatte. Ihr genauer Inhalt ist nicht überliefert (Huber, S. 150).

„Ich sehe, daß meine Pfarrer (die Gemeindepfarrer von Ingelheim!) nicht da sind. Die beiden Herren haben wahrscheinlich Angst, mir Auge in Auge gegenüberzutreten. Wenn man ein wirklicher Mann ist, dann entzieht man sich dem nicht.

Hinter dem Kirchenstreit steckt rein garnichts, wenn man es vom religiösen Standpunkt betrachtet. Die Leute der sogenannten Bekenntnisfront sagen, wir seien nicht evangelisch. Wir werden niemals sagen, daß die anderen nicht evangelisch sind. Bismarck hat einmal gesagt: Es gibt nicht nur ein katholisches Zentrum, es gibt auch ein evangelisches Zentrum, und das ist schlimmer als das katholische. Denn von dem katholischen Zentrum weiß man, wo es sitzt, in Rom, aber von dem evangelischen Zentrum weiß man nie, wo es sitzt, und darum kann man es nie packen ....

Die Bekenntnisfront sagt: Die Kirche darf nur aus der Kirche heraus gebaut werden. Die Kirche hat mit dem, was draußen geschieht, nichts zu tun, sie muß ihre Türen dagegen zumachen ....

Aber jede Kirche, die nichts weiter sein will als Kirche, hat sich entpuppt als Staat im Staate. Das Fürsichsein betrachtet sie als Vorrecht, und herrschen wollte sie doch im Geheimen. Es ist Pfaffentrotz, der sich da kundtut. Die Pfarrer haben ja einen Diensteid schwören müssen. Ich hätte nicht gedacht, daß ein Pfarrer diesen Eid so leicht quittieren würde .... Sie hätten den Eid dann nicht schwören dürfen, wenn sie im Zweifel waren, ob sie ihn auch halten könnten ....

Soll nun die evang. Kirche eine Zentrumskirche werden, die beansprucht, losgelöst zu sein vom Deutschen Volk, die ein Sonderrecht beansprucht, oder soll sie sein wie seit Luthers Zeit, wo sie den Mut hatte, am Schicksal des Deutschen Volkes und Landes teilzunehmen? Diesen Standpunkt vertreten alle, die wollen, daß die Kirche Fühlung behält mit dem Staat. Nicht etwa eine Staatskirche. Das ist wieder etwas anderes. Die Reichskirche soll eine Volkskirche sein, d. h. eine Kirche, der das Schicksal des Volkes nicht gleichgültig ist. ...

Martin Luther hat bewußt deutsch gehandelt, seine Tat war nicht nur eine religiöse Tat, sondern auch eine deutsche Tat. Die evang. Kirche muß nach ihrer Überlieferung mit dem Volke in Fühlung bleiben. Sie darf nicht eine Sekte werden. Eine Sekte zieht scharfe Grenzen gegen alle, die ihr nicht zugehören. Unsere Landeskirche will aber alle zu sich ziehen. Das ist viel schwerer, das ist anders wie in einer Sekte. Im Gegensatz zur Kirche sind die Sekten religiöse Klubs, in denen sich die Leute zu religiösem Leben zusammenschließen. Aber diese religiöse Absonderung führt zu einer Religiosität in Reinkultur, welche dann schließlich ins Gegenteil umschlägt. Diese Absonderung hat Christus schon verurteilt. Die Pharisäer waren eine solche Sekte. In einer Sekte wird die eigene Frömmigkeit angebetet. Die Volkskirche will ein | möglichst weites Herz haben. Wir wollen die große allumfassende Landeskirche, die nicht gleichgültig ist gegenüber dem Werke Adolf Hitlers ....

Im Dritten Reich wird eine Sekte zum Sammelpunkt aller derer werden, die nichts vom Dritten Reich wissen wollen, die sich innerlich gegen die bestehende staatliche Ordnung auflehnen. Der theologische Häuptling der Bekenntnisfront Prof. Karl Barth ist nun inzwischen seines Amtes enthoben worden und wird wohl, weil er kein deutscher Staatsangehöriger ist, demnächst des Landes verwiesen werden. Er ist Schweizer, und die Schweizer haben für unsere deutsche Art kein Verständnis, weil sie seit langem nicht die politischen Nöte und Kämpfe durchzumachen haben wie unser deutsches Volk. Dieser Theologie-Professor hat seit Jahren unsere jungen Theologen verbildet. Diese jungen Theologen haben wohl ein intellektuelles theologisches Wissen, aber sie haben kein Gemüt. Vor allem haben sie keine Ahnung vom 4. Gebot, und das wollen hernach Pfarrer werden. Alle jungen Theologen sind natürlich auf der anderen (der BK-) Seite. Denn sie wollen die kleine Kirche, die ganz heilig ist. Aber das ist nicht im Sinne Luthers ....

Adolf Hitler sagt: Die Kirche darf nicht mehr nach demokratischem Prinzip regiert werden, wo sich jeder von der Verantwortung drückt. Wir müssen in der Kirche auch das Führerprinzip [haben], wenn der Staat auf dem Führerprinzip aufgebaut ist ....

Alle Menschen müssen gehorchen. Vor allem die Beamten müssen gehorchen. Nur die Pfarrer glauben, sie brauchten nicht zu gehorchen. Das Wort von der Obrigkeit haben diese Pfarrer ganz vergessen. Aber auch in der Kirche muß gehorcht werden. Ich habe als Pfarrer immer gehorcht, auch wenn es mir nicht gepaßt hat. Oftmals bin ich aber sehr froh gewesen, daß ich nur zu gehorchen brauchte und daß ich mir über manche Dinge nicht den Kopf zu zerbrechen brauchte, sondern daß meine vorgesetzte Kirchenbehörde das für mich besorgte. Wenn man allerdings wie diese jungen Theologen den Respekt vor Vater und Mutter nicht gelernt hat, dann kann man auch als Pfarrer nicht gehorchen.

Die Generation von 1918 - 1933 hat keinen Gehorsam gelernt. So ist nun eine richtige Meuterei, ein Pfarrerstreik ausgebrochen. 40% der Pfarrer streiken. Anderswo sind es noch mehr, ein Trost für mich. Manche dürfen nur nicht, wie sie wollen. Sie haben mir ein Mißtrauensvotum ausgesprochen. Ich gebe nichts darauf. Ich denke nicht daran zurückzutreten; da ich nicht von den Pfarrern gewählt bin, können sie mir auch kein Mißtrauensvotum aussprechen. Mißtrauensvotum ist ein demokratischer Brauch. Ich bin vom RB ernannt, und Ministerpräsident Göring hat sein Placet dazu gegeben. Wer diese meine Auffassung nicht billigt, der hat das Dritte Reich nicht erfaßt .... Ich muß nur mit meinem Dickkopf, der allerdings seinesgleichen sucht, dableiben ....

Ist das Bekenntnis nun in Gefahr? ... Die einen meinen damit das Glaubensbekenntnis, die anderen meinen, die Bekenntnisschriften der Reformationszeit seien in Gefahr, nicht mehr geachtet und recht gewürdigt zu werden. Ich habe nun gefunden, daß die meisten Pfarrer diese Bekenntnisschriften nicht einmal gelesen haben. Es kennen sie überhaupt die wenigsten evang. Christen. Andere sagen, wir wollten ein evang. Papsttum errichten. Ich bin kein Papst. Zum Papst gehört vor allem die Unfehlbarkeit. | Der Papst verlangt, daß man glaubt, was er sagt. Das muß nach katholischer Auffassung Bekenntnis sein. So etwas hat der RB noch nie verlangt. Denn über uns steht die heilige Schrift, Christus und Gott selber. Nur äußerer Gehorsam wird verlangt. Von niemand wird verlangt, daß er sein Inneres ändern soll. Geändert wird nur die äußere Verfassung, und die muß geändert werden, indem sie der Landesverfassung angepaßt wird, und das paßt den Leuten nicht ....

Einige Pfarrer hatten sich vor der Machtübernahme durch Adolf Hitler derartig benommen, daß sie bestraft werden mußten. Sie sind lediglich versetzt worden. In Hessen 11 Pfarrer, in Nassau 4, im Reich etwa 800. Keine erschütternde Zahl. Aber alle Pfarrer sind noch im Amt oder aber pensioniert. Wo ich Disziplinarverfahren eröffnet habe, sind die meist noch nicht abgeschlossen. Zwei bis drei Disziplinarverfahren. Es heißt, ich hätte die Pfarrer aus Amt und Brot gejagt, aber es ist kein einziger aus der Kirche entlassen worden. Man sollte nicht meinen, daß akademisch gebildete Leute [nicht] imstande sind, einen Sachverhalt offen klar zu legen. Man zweifelt an deren Verstand.... 

Wir sind jetzt dem Ausland gegenüber sehr gebunden, aber in der zweiten Hälfte des Januar, wenn uns die Hand nicht mehr gebunden ist (Saarabstimmung!), dann werden wir anders eingreifen. Denn man kann ein Geschwür ja nicht einfach zudecken, das ist ja keine Heilung. Die muß von innen heraus kommen. Das Bekenntnis ist nicht in Gefahr.

Sehen Sie sich doch die Leute an, es sind alle die, gegen die wir früher schon gekämpft haben. Diese haben sich zusammengefunden in dem Kirchenstreit gegen uns. Der Führer will doch gar kein Heidentum einführen. Luther und die evang. Kirche und das Deutsche Volk gehören zusammen. Das war es, was ich Ihnen heute abend sagen wollte.“

 

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Gs, erstmals: 24.04.12; Stand: 22.02.17