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Das Bismarcklied

 

Autor: Hartmut Geißler

nach dem Text im Festprogramm
und im Allgemeinen Deutschen Kommersbuch


Der Text wurde nach den Angaben des Kommersbuches von Paul Warncke (1866 - 1933, Bildhauer und Schriftsteller) im Jahre 1895, möglicherweise zu Bismarcks 80. Geburtstag, verfasst. Gesungen werden sollte das damals offenbar allgemein bekannte Lied in Ingelheim nach der Melodie des Liedes "Strömet herbei" (so das Festprogramm) bzw. nach der Melodie "Sind wir vereint zur guten Stunde" (Kommersbuch).

 

Nun steige der Begeistrung Flamme
helllodernd auf in unserm Sang:
dem Manne gilt´s von deutschem Stamme,
dem Helden, der den Drachen zwang,
der an des Rheines Rebenborden
gepflanzt des Reiches mächtgen Baum,
dem Mann, durch den zur Wahrheit worden
der Väter sehnsuchtsvoller Traum.

Wie lag das Vaterland darnieder,
dem Fremden lange schon ein Spott,
da sandte uns den Hermann wieder
der alte treue deutsche Gott.
Und das wird nimmer ausgesungen,
bis an der Erde letzten Tag,
wie, von dem deutschen Aar bezwungen
der welsche Hahn am Boden lag.

Wer wagte da noch zu verlachen
der Deutschen heil´ges Vaterland!
Denn auch der Zwietracht giftgen Drachen
schlug dieser Mann mit starker Hand.
Und uns erschien die große Stunde,
da hob der Held, lorbeerumlaubt,
die Krone von des Rheines Grunde
dem deutschen Kaiser auf das Haupt.

Das wollen wir ins Herz uns schreiben,
den fernsten Enkeln sei´s bewahrt,
ein Vorbild soll er sein und bleiben
von deutscher Kraft und deutscher Art.
Er stand, umbraust von Sturmestoben,
von schnödem Haß beschimpft und Neid,
er stand, das mächtge Haupt erhoben,
hoch überragend seine Zeit.

Hochragend über sein Jahrhundert,
ein Fels im wildempörten Meer,
von Hunderttausenden bewundert,
doch auch geliebt - und das ist mehr!
Erbrause, Jubel, Banner, walle,
Gott, grüße dich, du einz´ger Mann,
der kühn des Ruhmes Kränze alle,
der seines Volkes Herz gewann!

So laßt uns denn den Namen nennen
des Meisters, der das Reich gebaut!
Wem Lieb und Treu im Herzen brennen,
dem ist‘s ein freudenvoller Laut.
Hinbrause es wie Sturm und Wetter,
vom Alpenschnee bis an den Belt:
Heil dir, des Vaterlandes Retter!
Heil Bismarck dir, du deutscher Held!

 


Inhaltliche Erläuterungen:

"Dem Helden, der den Drachen zwang" - gemeint ist der Sieg im deutsch-französischen Krieg von 1870/71, Bismarck wird hier mit dem Siegfried der Heldensage verglichen, der den (hier: französischen) Drachen bezwang

"sehnsuchtsvoller Traum" - die lange herbeigesehnte Reichseinheit

"da sandte uns den Hermann wieder der alte treue deutsche Gott" - mit Hermann ist Arminius, der Cherusker, gemeint, der im Jahre 9 nach Christus drei Legionen unter dem römischen Feldherren Varus vernichtete, mit den Römern hier die Franzosen, von denen auch 1870 die Kriegserklärung an Preußen ausgegangen war, um die Reichseinigung unter Preußen zu verhindern und um den Rhein als Grenze wie unter Napoleon wieder zu gewinnen

"der alte treue deutsche Gott" - sogar Gott wird hier für das Bismarckreich reklamiert, und zwar als "alt" (wie der Altväter Sitte) und "treu", zwei Adjektive, die damals besonders oft mit dem deutschen Selbstbild verknüpft wurden

der "deutsche Aar" (= Adler), der "welsche Hahn" - nationale Wappentiere

"der Zwietracht gift'gen Drachen" - ist hier die Vereinigung der deutschen Regierungen unter Preußens Führung gemeint?

"die Krone von des Rheines Grunde" - hier wird die Rheingoldsage mit der deutschen Kaiserkrönung 1871 verknüpft, aber in einer völlig unhistorischen Weise, weil nicht Bismarck dem preußischen König die Krone aufgesetzt hat, und schon gar nicht eine Krone, die er aus dem Rhein geholt hatte

"doch auch geliebt, und das ist mehr" - war das 1895 ein Seitenhieb auf den weniger beliebten Wilhelm II., der den beliebten Bismarck entlassen hatte?

Kommentar Geißler:

Über ein Jahrhundert später erscheint uns Heutigen eine solche fast religiös-mythische Bismarckbegeisterung als ziemlich verwunderlich. Aber sie war damals Realität und stand als Gesinnung auch hinter dem Bau so vieler Bismarck-Denkmäler (nicht nur Bismarcksäulen). Bismarck wurde zum Mythos, der weit abgehoben war von der Tagespolitik, die im Deutschen Reich unter Wilhelm II. oft unter nationalen Minderwertigkeitskomplexen litt.

Um sich gefühlsmäßig besser in jene Zeit der Bismarcktürme hineinversetzen zu können, sei das Lied hier mitgeteilt, von dem die Einladenden offenbar annahmen, dass es als "allgemeines Lied" von vielen, nicht nur von Studenten, mitgesungen werden konnte, ebenso wie das folgende Deutschlandlied (natürlich damals mit allen seinen drei Strophen).

 

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Gs, erstmals: 24.08.12; Stand: 20.02.17