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Die Chemische Fabrik Frei-Weinheim, genannt "Bleiweiß"

 

Autor: Hartmut Geißler
nach Henn, Industrie-Entwicklung


Die "Chemische Fabrik Frei-Weinheim"
, spezialisiert auf Bleiweiß-, Farben-, Weißlackproduktion, wurde von den Herren Dr. Hermann Bopp (aus Friedberg) und Odernheimer 1899 gegründet und beschäftigte bis zu 150 Personen. Die von der Bevölkerung kurz "Bleiweiß" genannte Fabrik lag auf der östlichen Seite der Rheinstraße in Frei-Weinheimer Gemarkung, von den Arbeitern aus den kinderreichen Familien Frei-Weinheims gut zu Fuß erreichbar und nicht weit vom neu gebauten Hafen sowie von der Selztalbahn entfernt.

Während des Ersten Weltkrieges produzierte sie auch Munition, wurde während der Weltwirtschaftskrise von den Farbwerken Düsseldorf übernommen, die die Bleifarbenproduktion fortsetzte, während in Ingelheim Aktivkohle produziert wurde, und im Zweiten Weltkrieg erneut Rüstungsbedarf (Gasmaskenkohle, Munitionsbestandteile). 1945 wurde sie von den Besatzungsmächten demontiert.

Dr. Hermann Bopp spielte im öffentlichen Leben Ingelheims eine bedeutende Rolle. Im Jahre 1923 wurde seine Familie ebenso wie die von Albert Boehringer von der französischen Besatzungsmacht ausgewiesen.

Über Jahre hinweg musste ihr von Blei kontaminiertes Gelände saniert werden, bevor es in den Jahren 2008/09 mit einem großen Bürogebäude überbaut werden konnte (Rheinstraße 194). 

Die Ingelheimer Chronik zitiert einen Zeitungsbericht über ihre Stromerzeugung, die auch den Einwohnern von Frei-Weinheim zugute kam ("Kraftabgabe"): 

31. Mai 1900 - F.-W. Die von der Firma "Chemische Fabrik Frei-Weinheim" (Dr. Bopp & Odernheimer) ausgeführte elektrische Anlage zu Lichtzwecken und Kraftabgabe ist nun vollendet und bereits in Betrieb gesetzt. Die in den Geschäftsbetrieben der Meister Kern und Krück aufgestellten Motore, welche bereits einige Tage in Tätigkeit sind, funktionieren ganz vorzüglich; auch die gestern abend vorgenommene Probe der Straßenbeleuchtung fiel zum Besten aus und machte der ausführenden Firma alle Ehre. 

Die Chemische Fabrik Frei-Weinheim, genannt die "Bleiweiß" (Privatbesitz)


Da auf dem Postkartenfoto der Turm der Gustav-Adolf-Kirche weiter hinten noch nicht zu sehen ist, kann man davon ausgehen, dass die Aufnahme aus der Zeit vor 1910 stammt.

 

Gs, erstmals: 20.02.07; Stand: 09.02.17