Renate Wertheim, das jüngste Kind der 1942 Deportierten


Autor: Hartmut Geißler
nach den Angaben auf: http://dif-ingelheim.de/stolpersteine/#10 (13.11.2019)
und unter Mithilfe von Klaus Dürsch (DIF) und Dr. Cornelia Shati Geißler (Yad Vashem)

Im Jahre 2018 wurde der neugestaltete Platz zwischen der Ingelheimer Mediathek und dem Sebastian-Münster-Gymnasium nach Renate Wertheim benannt. Damit soll der jüngsten jüdischen Ingelheimerin gedacht werden, die am 20. September 1942 mit einem Sammeltransport über Mainz und Darmstadt in ein Vernichtungslager im besetzten Polen transportiert wurde. Renate war damals 7 Jahre alt.

Der Renate-Wertheim-Platz vor der neuen Mediathek; Foto: Gs


Renate Wertheims Vater
war Josef Wertheim, der aus Lampertheim (bei Worms) nach Ober-Ingelheim gekommen war, am 1. Weltkrieg teilgenommen hatte und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war. Am 30. März 1933 hatte er Anna Friederike Oppenheimer, eine Tochter von Siegmund Oppenheimer, des Inhabers eines Textilwarengeschäfts in der Ober-Ingelheimer Heimesgasse 6, geheiratet. Das junge Paar wohnte zuerst in der Mühlstraße 35, zog aber - wahrscheinlich nach dem Tod von Siegmund Oppenheimer vom 7.5.1938 - in das Haus der Schwiegermutter in der Heimesgasse. Die Vorfahren der Oppenheimer lassen sich in Ober-Ingelheim bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen.

Josef Wertheimer beteiligte sich seit 1933 am Geschäft der Schwiegereltern als Gesellschafter (Handelsregister des Ober-Ingelheimer Amtsgerichts Nr. 547). Wie bei allen jüdischen Geschäften wird auch bei diesem kleinen Textilgeschäft seit dem Judenboykott von 1933 der Umsatz erheblich zurückgegangen sein. Während des Novemberpogroms am 9. und 10. November 1938 wurde auch das Anwesen der Familie Oppenheimer / Wertheim verwüstet und Lebensmittel wurden aus dem Fenster geworfen. Die Familie muss laut mehreren Zeugenaussagen in dieser Nacht sehr gelitten haben. Josef Wertheim musste sofort danach (ab 12.11.1938) mehrere Wochen im Konzentrationslager Buchenwald verbingen (Haftnummer 260967; Dürsch).

Aufgrund der fortgesetzten Schikanen, die die Juden zur Auswanderung treiben sollten, bemühten sich auch die Wertheims darum, Deutschland zu verlassen. Aber sie bekamen, wohl aus finanziellen Gründen, kein Einreisevisum in die USA. Josefs Schwester hingegen war die Flucht nach Argentinien geglückt. Ein Bruder von Anna Friederike, Fritz Oppenheimer, lebte bereits seit 1925 in den USA. Zu seinen Nachfahren besteht bis heute Kontakt mit dem DIF. 1940 gab es Bemühungen einer Privatperson und der Stadt Ingelheim am Rhein, die jüdische Familie aus ihrem Haus zu vertreiben. Aus erhaltenen Notizen geht hervor, dass die Familie kein Geld zur Ausreise hatte und einen großen Teil ihres Lebensunterhalts aus den Produkten des Gartens hinter ihrem Haus bezog. Sie muss also sehr arm gewesen oder geworden sein. Darauf weist auch eine Notiz aus dem Jahr 1940 hin. Danach habe Sophie Oppenheimer, die Großmutter von Renate Wertheim, ihr Haus noch nicht verkaufen können, weil sie nicht genug Geld für eine Ausreise habe, die teuer bezahlt werden musste, und weil sie ihren Lebensunterhalt hauptsächlich aus den Produkten ihres Gartens bestreiten müsse. Das Geld aus solchen erzwungenen Hausverkäufen musste in der Regel auf ein Sperrkonto eingezahlt werden, so dass die jüdischen Verkäufer nach dem Verkauf praktisch enteignet waren.

Anna Friederike und Josef Wertheim hatten drei Kinder. Am 25.12.1933 wurden Zwillinge geboren, Heinz und Herbert. Heinz starb schon mit einem halben Jahr, während Herbert am 27.03.1939 im Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in Frankfurt a. M. starb (laut Standesamt Frankfurt V, Nr. 461/1939) . Beigesetzt wurde er auf dem Neuen Jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße 238, während sein Bruder Heinz und sein Großvater Siegmund Oppenheimer auf dem jüdischen Teil des Friedhofs in der Rotweinstraße beerdigt wurden.

Am 20. März 1935 wurde Renate als drittes Kind ihrer Eltern geboren. Sie wird die Ängste der Eltern gespürt haben und als Dreijährige die Pogromnacht als Schreckensnacht bewusst erlitten haben.

Weil alle Bemühungen der Eltern um eine Ausreise gescheitert waren, wurden Renate, ihre Großmutter Sophie Oppenheimer und ihre Eltern mit 14 weiteren Ingelheimern am 20. September 1942 mit einem Lastwagen nach Mainz gebracht (Sammelstelle Goetheschule). Ihr weiterer Deportationsweg führte mit der Eisenbahn von Mainz nach Darmstadt, von wo sie am 30. September 1942 nach Treblinka im besetzten Polen gefahren wurden.

Zu ihrem Zugtransport siehe: https://deportation.yadvashem.org/index.html?language=de&itemId=9439306&ind=12

In Treblinka wurden sie wahrscheinlich sofort in Gaskammern ermordet, da von diesem Transport keine Überlebenden bekannt sind. Mehr wissen wir nicht über Renate Wertheim.

Renate Wertheim auf einem Bild, das von Nachbarn aufgehoben wurde; DIF Ingelheim

 

Gs, erstmals: 13.11.19; Stand: 14.11.19