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Ermoldi Nigelli Carmen in honorem Ludovici - das Gedicht des Ermoldus Nigellus zur Ehre Ludwigs


Autor: Hartmut Geißler


Die Pfalz in Ingelheim bei dem Besuch des Dänenkönigs Heriold/Heriold, seine Taufe, die Jagd und die Feierlichkeiten

Zum Digitalisat des gesamten lateinischen Textes in den MGH; zur inhaltlichen Interpretation des Bildprogrammes in der Aula siehe Lammers.


Welchen Quellenwert für die Ingelheimer Pfalz hat Ermoldus' Werk?

Ausführlich und sorgfältig abwägend hat sich mit dieser Frage Edmond Faral 1932 auseinandergesetzt, unter Heranziehung früherer Literatur. Auf Farals Kapitel über den Autor, das Werk und seinen Wert als historische Quelle, seine Sprache, Grammatik, Prosodie, Metrik und Stil im Vorwort zu seiner Herausgabe des lateinischen Textes und einer französischen Übersetzung sei hier ausdrücklich verwiesen.

Ermoldus' Preisgedicht auf Ludwig den Frommen ist in zwei Handschriften überliefert: Ein Wiener Manuskript (Nr. 614) aus dem 10. Jahrhundert enthält das Preisgedicht auf Ludwig, abgeschrieben etwa ein Jahrhundert nach seiner Abfassung. Eine zweite Handschrift im British Museum (Harley 3685) aus dem 15. Jahrhundert enthält außer dem Preisgedicht noch zwei Elegien für König Pippin.

Die wissenschaftliche Edition dieser Werke ist nach ersten Veröffentlichungen von Muratori (1726) und Mencken (1728) im 19. Jahrhundert erfolgt, und zwar ein erstes Mal 1829 durch Georg Heinrich Pertz in den Monumenta Germaniae historica, Scriptores, t. II, p. 466-523 nach dem Wiener Manuskript, und ein zweites Mal 1884 von Ernst Dümmler, ebenfalls in den MGH, Poetae latini aevi Carolini, t. II, p. 1-91.

Auf Faral hat sich auch Peter Classen in seiner Darstellung des mittelalterlichen Ingelheim gestützt (S. 98/99), kam allerdings im Gegensatz zu ihm in der Frage, inwieweit die Kirchenbeschreibung des Ermoldus auf eine Ingelheimer Pfalzkirche passen könnte, zu dem Ergebnis: "Es scheint mir ausgeschlossen, eine so bedeutende Kirche [d. h. die Kirche für die feierliche Taufe Heriold; Gs] an einem Ort anzunehmen, der kein Stifts- oder Mönchskapitel besaß." (S. 142, Anm. 11)

Zu den archäologischen Ergebnissen der Grabungen unter der Saalkirche siehe dort!

Zur Beurteilung des Quellenwertes für die Beschreibung der Pfalz erscheint es sinnvoll, einen Überblick über das gesamte Werk und vor allem über sein viertes Buch zu gewinnen, dessen Hauptthema der Besuch Heriolds in Ingelheim ist.

Die Bücher I - III:

Am Anfang des Buches I (V. 52-55) zählt Ermoldus seine literarischen Vorbilder auf:

"Si Maro, Naso, Cato, Flaccus, Lucanus, Homerus, Tullius et Macer, Cicero, sive Plato, Sedulius nec non Prudentius atque Juvencus, Seu Fortunatus, Prosper et ipse foret ... "

Gemeint sind:

a) Klassiker der griech.-röm. Antike:
- Publius Ovidius Naso (ein lat. Dichter des 1. Jh. v. Chr.),
- Publius Vergilius Maro (ein lat. Dichter des 1. Jh. v. Chr.),
- vielleicht die Disticha Catonis (eine Dichtung aus dem 3./4. Jh., die dem älteren Cato zugeschrieben wurde, vermutet Faral),
- Quintus Horatius Flaccus
(ein lat. Dichter des 1. Jh. v. Chr.),
- Marcus Annaeus Lucanus
(ein lat. Dichter des 1. Jh. v./n. Chr.),
- Homer (der berühmte griechische Dichter von Ilias und Odyssee),
- Marcus Tullius Cicero (röm. Politiker, Redner und Schriftsteller des 1. Jh. v. Chr.),
- vielleicht ein Macer Floridus (vermutet Faral)
- und Plato (der mit Aristoteles berühmteste griech. Philosoph);

b) spätantik-frühmittelalterliche Klassiker für das ganze Mittelalter:
- Sedulius
(ein lat.-christl. Dichter des 5. Jh.),
- Aurelius Prudentius Clemens
(ein lat.-christl. Dichter des 4. Jh.),
- Gaius Vettius Aquilinus Juvencus
(lat.-christl. Dichter des 4. Jh.),
- Venantius Honorius Clementianus Fortunatus (lat.-christl. Dichter des 6. Jh.)
- und Prosper 'Tiro' von Aquitanien, (Heiliger, lat.-christl. Schriftsteller des 5. Jh.).

Im Buch I beschreibt Ermoldus Szenen aus der Jugend Ludwigs, der mit 22 Jahren an der Belagerung und Einnahme von Barcelona 800/801 durch Karls Heerführer Wilhelm von Aquitanien teilnahm, und die Gründung des Klosters Conques ("Cancas", heute Ste-Foy de Conques mit Reliquien der Hl. Fides) in Südfrankreich im Jahre 800.

Das Buch II befasst sich schwerpunktmäßig mit Karls Tod und Ludwigs Nachfolge im Jahre 814 sowie mit dem Besuch des Papstes Stephan in Reims zu einer nachträglichen Krönung und Salbung im Jahre 816. Angefügt werden Bemühungen Ludwigs um eine Klosterreform und die Gründung der Reichsabtei Inda (heute Kornelimünster) in der Nähe Aachens. In späterer Zeit entwickelte sich dieses Kloster zu einer ebenso bedeutenden Wallfahrtsstätte wie Aachen selbst, so dass es von den Teilnehmern der Aachenwallfahrt alle sieben Jahre meist mitbesucht wurde.

Im Zentrum des Buches III steht der Feldzug gegen den bretonischen König Murman im Jahre 818. Es ist einer der beiden Feldzüge, die Ludwig in seiner Regierungszeit selbst anführte, beide in die Bretagne (818 und 824). Angefügt wird der Bericht über ein Duell, einen Reiterkampf nach gotischer Sitte, zwischen Bero/Berà, dem Grafen von Barcelona, und einem Sanilo/Sanila, einem gotischen Adligen, der den Bero der Untreue beschuldigt hatte, durchgeführt auf einer Reichsversammlung in Aachen im Februar 820. Ludwig milderte das Todesurteil der Großen, das sich aus dem Ausgang des Zweikampfes ergab, in eine Verbannung nach Rouen (s. Eichler S. 97). Der dramaturgische Sinn dieser Duellbeschreibung in dem Gesamtwerk des Ermoldus ist mir unklar geblieben; hat sie etwas mit dem eigenen Schicksal des Autors zu tun?

 

Das letzte Buch IV, die Krönung des Werkes

Im Folgenden sollen ausführlich die für die Ingelheimer Pfalz wichtigen Kernstellen des Buches IV lateinisch und deutsch, in Prosa übersetzt, wiedergegeben und kommentiert werden; zwei längere Passagen über die Pfalzkirche und die Aula regia sowie die Jagd in der Übersetzung von Theodor Gottfried Martin Pfund, Berlin 1856 (2. Aufl. 1889), sind hiermit verlinkt, so dass man diese deutschen Nachdichtungen hinzuziehen kann, deren besonderer Reiz darin liegt, dass sie in antiken Distichen (Hexametern und Pentametern) nachgedichtet sind und so einen Eindruck von der sprachlichen Form des lateinischen Originals vermitteln.

Das Buch IV beginnt mit einem Thema, das sich durch das ganze Epos hindurchzieht: Ludwigs des Frommen Bemühen, das Christentum in der ganzen Welt zu verbreiten, so gegen die Mauren in Spanien und gegen die Bretonen. Im vierten Buch geht es nun um die Missionierung der Dänen.

Heriolds Taufe wird anscheinend als Beispiel dafür verwendet, welche Attraktivität das christliche Frankenreich unter Ludwig auch auf die Normannen ausübte, deren Plünderungszüge unter den Zeitgenossen so viel Schrecken verbreiteten.

1. Einleitung und Bischof Ebos Entsendung zu den Dänen im Jahre 822 (s. Annales Fuld.)

Zuerst die Verse 1-14, 19-20 und 25-34 der Verszählung innerhalb der vier Bücher (entsprechend den Versen 1882-1895, 1900-1901 und 1906-1915 der durchgehenden Gesamtzählung bei Faral):

Cura pii passim gliscebat denique regis
   Francorumque fides creverat usque polos;
Undique collectim gentes populique fluebant
  Cernere christicolam Caesaris atque fidem.
Gens erat interea, antiquum cui perfidus anguis
  Liquerat errorem sustuleratque Deum,
Quae pagana diu cultus servabat iniquos,
  Pro factore colens idola vana suo,
Proque deo Neptunus erat, Christi retinebat
  Juppiter orsa locum cui sacra cuncta dabant.
Hi populi porro veteri cognomine Deni
  Ante vocabantur et vocitantur adhuc;
Nort- quoque Francisco dicuntur nomine -manni,
  Veloces, agiles, armigerique nimis.
(...)
Mittitur ad hoc opus Remensis episcopus Ebo,
  Quo faciente queant credere nempe Deo.
(...)
Nam Hludowicus enim puerum nutrirat eundem,   
  Artibus ingenuis fecerat esse catum.
Hunc ergo alloquitur Caesar verbisque coruscat;
  Multa canens famulo dat pia iussa suo:
"Ito, sacer; populum blando sermone ferocem
  Conpellato prius tempore sive modo:
Est Deus in caelo, mundi plasmator et omnis,
  Quicquid rura tenent, quae mare, quaeque polus"

(...)

Prosa-Übersetzug:

Der Eifer des frommen Königs verbreitete sich überall und der Glaube der Franken hatte sich bis zu den Polen verbreitet. Von allen Seiten strömten gemeinsam Stämme und Völker herbei, den christlichen Glauben des Kaisers zu erkennen. Da gab es einen Stamm, den die treulose Schlange in einen alten Irrglauben gestürzt hatte und Gott ihnen genommen. Der pflegte schon lange heidnisch scheußliche Kulte und verehrte statt seines Schöpfers eitle Götzen. Statt Gott verehrten sie Neptun, die Stelle Christi hatte Jupiter, dem sie alle Opfer brachten. Diese Völker trugen seit langem und tragen bis heute den alten Beinamen Dänen. Mit fränkischer Bezeichnung werden sie auch Nord-Männer genannt. Sie sind schnell, wendig und allzu waffenstark. (...)
Geschickt wird zu dieser Aufgabe Ebo, Bischof von Reims, durch dessen Wirken sie nämlich zum Christentum bekehrt werden sollen. (...)
Denn Ludwig hatte denselben als Knaben ernährt und durch die Freien Künste ausgebildet. Diesen also spricht der Kaiser aufmunternd mit folgenden Worten an: "Gehe, Ehrwürdiger; bewege den wilden Stamm durch süße Predigt, aber mit Zeit oder Maß: Es gibt einen Gott im Himmel, den Schöpfer der Welt und alles dessen, was das Land, das Meer und der Himmel enthält..."

Bischof Ebo von Reims war einer der engsten Vertrauten Ludwigs, der ihm auch bei dem Aufstand der Söhne gegen ihn im Jahre 830 die Treue hielt, allerdings nur bis zum nächsten Aufstand 833. Danach wurde ihm als Hauptschuldigem 835 der Prozess gemacht und er wurde zugunsten von Hinkmar zum Amtsverzicht gedrängt. Dass Ermoldus, der von den späteren Ereignissen natürlich noch nichts wissen konnte, ihn hier so stark heraushebt, deutet auf eine bestimmte Absicht hin; sollte sich Ebo vielleicht bei Ludwig für ihn einsetzen?

Es folgt nun über insgesamt 90 Verse die Glaubensverkündigung aus Ludwigs Munde, die Ebo im Auftrag seines Königs den Dänen predigen soll, buchstäblich bei Adam und Eva beginnend und den gesamten jüdisch-christlichen Glauben umfassend.

Demgegenüber erfahren wir keinerlei politischen Hintergründe, nichts darüber, dass der Dänenkönig Heriold schon lange vorher (im Jahre 812) Beziehungen zu Karl aufgenommen hatte, dass er 813 vom Thron verjagt worden war und Ludwig um Hilfe gebeten hatte. Dieser hatte ihn nämlich schon 814 als Lehensmann angenommen und zurückgeschickt. Im Winter 822-823 waren wiederum Gesandte von ihm nach Frankfurt zu Ludwig geschickt worden. Die Reise des vertriebenen Dänenkönigs 826 nach Ingelheim hatte also eine längere politisch-diplomatische Vorgeschichte und beruhte nicht etwa erst auf Ebos erfolgreicher Missionstätigkeit seit 823 (Faral, S. 150/51 Anm. 1 und Annales regni Francorum zu den betr. Jahren).

2. Ein Einschub: Der zweite Feldzug in die Bretagne 824 (34 Verse)

Dabei heißt es (IV, 132-138 und 145-146 = 2013-2019 und 2026-2027):

Caesar agens Francos per calles dirigit amplos;
  Regmina Brittonum sic peregrata patent.
Huc egomet scutum humeris ensemque revinctum
  Gessi, sed nemo me feriente dolet.
Pippin hoc aspiciens risit, miratur et infit:
  "Cede armis, frater; litteram amato magis!"
(...)
Victor at inde pius Caesar remeavit, et omnes
  Victores Franci mox sua tecta petunt.

Übersetzung:
Der Kaiser führt die Franken und leitete sie durch weite Wege; die Gebiete der Bretonen, so durchzogen, liegen offen. Dorthin bin auch ich mit dem Schild auf den Schultern und dem Schwert gegürtet, gezogen, aber niemand hatte Mitleid mit meinem Hauen. Pippin sah sich das an, lachte und sagte: Lass doch die Waffen, Bruder, kümmere dich lieber um den Buchstaben! (also: um deine Dichterei) (...)
Siegreich kehrte der fromme Kaiser zurück, und siegreich gingen alle Franken nach Hause.

"Pius", religiös gemeint "fromm" oder nichtreligiös gemeint "pflichtbewusst"- so wurde Ludwig schon während seiner Lebenszeit auch von anderen Autoren genannt, es ist keine Besonderheit von Ermoldus, denn dieser Beiname wurde zeitgenössisch gleichfalls noch für Ludwig den Deutschen und Ludwig das Kind verwendet. Schon Ermoldus' Vorbild Vergil nannte seinen Helden Äneas "pius" - pflichtbewusst gegenüber den Göttern und seinem Vater.  Es ist also ein damals üblicher königlicher Beiname gewesen, der nichts Persönliches über "Ludwig den Frommen" aussagt.

 

3. Bischof Ebo trifft bei den Normannen auf Heriold (34 Verse)

Die christliche Botschaft Bischof Ebos fällt bei Heriold offenbar auf fruchtbaren Boden, er will sich zum Christentum bekehren und das christliche Frankenreich kennen lernen und sagt (IV, 255-257 = 2026-2038):

Cernere namque placet Francorum regna fidemque
  Caesaris, arma, dapes, christicolumque decus,
Culturamque Dei, cui servit cuncta potestas, ...

Denn kennenlernen möchte ich das Frankenreich, den Glauben des Kaisers, ihre Waffen, die Festmähler und den christlichen Schmuck, die Verehrung Gottes, dem alle Macht dient...

Nach diesen Worten muss man eigentlich annehmen, dass Heriold noch nie im Frankenreich war, was aber nicht richtig ist (siehe oben).

Ludwig hört gern die frohe Botschaft durch Bischof Ebo und ...

Engilin- ipse pius placido tunc tramite -heim
  Advolat induperans coniuge cum sobole.

Nach Ingel- nun der Fromme selbst auf friedlichem Wege -heim
   eilt der Kaiser, mit Frau und Kind
. (IV 179-180, 2060-2061)

Ein seltsamer Gag, den Namen Ingelheim (in der damaligen Form "Engilinheim") so auseinander zu reißen und die beiden Bestandteile an den Anfang und das Ende eines Verses zu setzen, wodurch der Ortsname besonders herausgehoben wurde. Ähnlich verfuhr Ermoldus auch beim Namen Nort - manni (siehe oben IV, 13 = 1894). Eine solche Technik ist aus der antiken Dichtung bei Verben mit Vorsilben bekannt, die abgetrennt werden konnten. Vielleicht verbirgt sich hierin auch eine scherzhafte Anspielung, die wir nicht mehr verstehen können. Machte sich der Südfranzose Ermoldus hier über die für ihn seltsame Aussprache des -he-im lustig und wollte damit signalisieren: "Ja, ja, ich habs endlich kapiert, wie man diese komische germanische Ortsnamenendung ausspricht"? Scherze enthält seine Dichtung auf Ludwig den Frommen an vielen Stellen.

Vom nötigen Silbenrhythmus des Hexameters her muss hier das "heim" am Ende als zwei Silben ausgesprochen worden sein, nämlich hë-im, mit langem e und langem oder kurzem im. Daraus könnte man schließen, dass die Schreibweise des "ei" der damaligen Aussprache mit zwei getrennten Vokalen entsprach. Deswegen hätte möglicherweise ein Engilinhe-im mit der Silbenfolge lang, kurz, kurz, | lang, kurz (?) | zusammen geschrieben schwer in einen Hexameter gepasst. Der Poeta Saxo dichtet ein Jahrhundert später allerdings so: "Engelen|heim dic|tus locus |est..." Bei ihm musste man die Schlusssilbe "-heim" nicht als zwei getrennte Vokale, sondern als einen Diphthong verstehen.

4. Die Beschreibung der Pfalz in Ingelheim bis zur Ankunft von Heriold
(102 Verse):

Est locus ille situs rapidi prope flumina Rheni,
  Ornatus variis cultibus et dapibus,
Quo domus ampla patet centum perfixa columnis,
  Quo reditus varii tectaque multimoda,
Mille aditus, reditus, millenaque claustra domorum,
  Acta magistrorum artificumque manu.
Templa Dei summo constant operata metallo,
  Aerati postes, aurea hostiola,
Inclita gesta Dei, series memoranda virorum,
  Pictura insigni quo relegenda patent.
Ut primo, ponente Deo, pars laeva recenset,
  Incolitant homines te, paradise, novi;

(...)

Übersetzung (Gs):
Es liegt dieser Ort nahe den Fluten des reißenden Rheines, gesegnet durch verschiedene landwirtschaftliche Kulturen und Genüsse, wo ein weiter Palast sich erstreckt, gestützt auf einhundert Säulen, wo es verschiedene Gänge (?) gibt und vielfältige Häuser, tausend Ein- und Ausgänge und tausende Türschlösser (Türen?) der Häuser, erschaffen von Meister- und Künstlerhand. Eine Kirche Gottes steht dort, ganz oben gefertigt aus Metall (gedeckt mit Bleiplatten?), bronzene Türen, ein goldener Hostienschrein. Dort sind die berühmten Werke Gottes zu sehen und eine Reihe von denkwürdigen Männern, vergegenwärtigt in hervorragende Malerei. Der linke Teil erzählt, wie zuerst durch Gottes Schöpfung die neuen Menschen dich, Paradies, bewohnen...

"Einhundert Säulen", "eintausend Ein- und Ausgänge", "Tausende Räume", aber nur ganze sechs Verse über den gesamten Pfalzkomplex: Er liegt ... in der Nähe des Rheines, in einer fruchtbaren Landschaft, wo vieles gedeiht (womit wahrscheinlich auch Wein gemeint ist), besitzt einen großen Palast mit hundert Säulen, tausend Türen, tausenden Räumen und ist insgesamt eine architektonische Meisterleistung.

Trotz aller rühmenden Worte über Säulen, Zimmer und Bronzetüren bleibt die Beschreibung der Pfalz als Gesamtbau seltsam vage, kein Wort z. B. über den wirklich beispiellosen Halbkreisbau mit 90 Metern im Durchmesser, auch kein Wort über die Wasserleitung mit fließendem Wasser.

Solche Verse können nicht den Eindruck vermitteln, dass Ermoldus die Ingelheimer Pfalz persönlich gesehen hat, im Unterschied etwa zur Straßburger Kirche (s. u.).

Es schließt sich nun eine Beschreibung der Gemälde in einer Kirche an ("templa Dei" - dichterischer Plural statt des Singulars, wie vorher wohl auch bei "cultibus" und "dapibus" ). Deren Beschreibung beginnt auf der linken Seite mit der Erschaffung der Menschen im Paradies, geht über verschiedene Gestalten aus dem Alten Testament über zur rechten Seite (ab Vers 2100) mit den Taten Christi, mit Maria etc.

Die gesamte Beschreibung in der deutschen Nachdichtung von Pfund, a) Aula regia und Kirche, b) die Jagd

Sie schließt mit den Worten (IV, 243-244 = 2124-2125):

His est aula Dei picturis arte referta,
  Pleniter artifici rite polita manu.

Übersetzung:
Mit diesen Gemälden ist kunstvoll die "Aula Gottes" gefüllt, völlig gebührend geschaffen durch künstlerische Hand

... und leitet über zur Beschreibung des königlichen Palastes, wohl einer "Aula regia" (IV 245-246 = 2126-2127); das Wort Aula hätte nicht in den Versrhythmus gepasst, daher domus:

Regia namque domus late persculpta nitescit,
  Et canit ingenio maxima gesta virum.

Übersetzug:
Das königliche Haus nämlich glänzt weithin mit seinen Steinarbeiten und besingt einfallsreich die Heldentaten von Männern.

In 36 Versen werden nun die Gemälde des Königspalastes beschrieben. Zeller, S. 32, gibt das Schema einer möglichen Anordnung der Themen auf beiden Seiten der Aula regia an (nach Bock):

Rechte Seite

I
Urgeschichte des Babylonischen Reiches:
1. Ninus besiegt den Magier Zoroaster.
2. Semiramis erbaut Babylon.
 
II
1 Cyrus wütet gegen den Fluß Gyades.
2. Tomyris verspottet die Leiche des Cyrus.

III
Ältere Geschichte der Griechen und Römer:
1. Phalaris läßt den Perillis verbrennen.
2. Romulus gründet Rom und erschlägt den Bruder.

IV
Reich der Karthager:
1. .....
2. Hannibals Zug über die Apenninen und durch Etrurien.

V
Höchste Blüte der griechischen und römischen Herrschaft:
1. Sieg Alexanders, Aufrichtung von Siegaltären am kiphäischen Gebirge.
2. Triumphzug des Augustus in Rom.


Linke Seite

I
Stiftung des neu-römischen Reiches:
1. Constantin besiegt den Götzendiener Licinius
2. Constantin gründet Constantinopel.

II
1. Weise Mäßigung des Theodosius nach seinem Siege über den Tyrannen Maximin.
2. Constantin nach dem Siege über Eugenius.

III
Erste Großtaten der Karolinger:
1. Carl Martell schlägt die Saracenen bei Poitiers.
2. Carl Martell besiegt die Friesen und führt sie zum Christentum.

IV
Ausbreitung der Macht und des Ruhmes der Karolinger:
1. Pipin überwältigt die Aquitanier.
2. Pipin zieht zum Schutze Papst Stefan I. über die Alpen und besiegt die Lombarden.

V
Fränkisches Kaisertum:
1. Karl der Große, Besieger der Sachsen, Umsturz der Irmensäule.
2. Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom.

Ermoldus beabsichtigte offenbar eine Parallelisierung der antiken Geschichte mit der Geschichte der Franken. Zur Interpretation siehe Lammers!

Die Beschreibung schließt mit vier allgemeinen Versen zur Pfalz (IV, 283-286 = 2164-2167):

His aliisque actis clare locus ille nitescit,
  Pascitur et visu, cernere quosque iuvat.
Illic ergo pius Caesar dat iura subactis,
  More suo regni rite revolvit opus.

Übersetzung:
Durch diese und andere Darstellungen glänzt hell jener Ort, und es weidet sich an diesem Anblick, wen es auch immer zu sehen erfreut. Dort also gibt der fromme Kaiser den Untertanen Gesetze und erfüllt nach seiner Gewohnheit ordnungsgemäß die Aufgabe der Königsherrschaft.

Beide ausführlichen Innenbeschreibungen werden noch vor der Ankunft des Dänenkönigs ausgebreitet, als Bestandteil einer ansonsten eher dürftigen allgemeinen Pfalzbeschreibung. Sollen sie die dramaturgische Funktion einer "Kulisse" haben, vor der sich nun die "Handlung", der Besuch Heriolds, abspielt?

Auf jeden Fall fällt Ermoldus' Beschreibung dieser beiden angeblichen Pfalzgebäude sehr viel detaillierter aus als seine knappen Worte über die räumlichen Umstände der Krönung Ludwigs durch Papst Stephan in Reims, wo nur von einer Kirche ("ecclesiam" II, 129 = 880) und einer "Aula" (II, 131 = 882) die Rede ist. Ja, man erfährt von Ermoldus noch nicht einmal, wo die Krönung und Ölung eigentlich stattfanden, nur dass er auf einem hohen Thron saß (II, 275 = 936)! An sich sollte man doch - jedenfalls aus heutiger Sicht - dem Krönungsgeschehen in Reims eine viel höhere Bedeutung beimessen als dem Besuch eines regionalen und vertriebenen Dänenkönigs in Ingelheim.

Ermoldus sah es anders; lag das an seinen Quellen oder an seiner dramaturgischen Absicht?


5. Der Besuch des Dänenkönigs Heriold (346 Verse) - ein langes Textstück, einschließlich der Beschreibung der Taufe, der Jagd und der gemeinsamen Feier - zweifellos der Hauptteil des vierten Buches: (IV, 287-632 = 2168-2513)

a) die Ankunft (IV 287-304 = 2168-2185):

Ecce volant centum per Rheni flumina puppes,
  Velaque candidolis consociata nodis,
Denorum populis oneratae, munere nec non;
  Heroldum regem prima carina vehit,
Te, Hludowice, petens. Debetur hoc tibi munus,
  Qui facis Ecclesiae crescere rite decus.
Iamque propinquabant ripae portumque tenebant;
  Caesar ab excelsa haec prospicit arce pius,
Matfridumque iubet, iuvenum comitante caterva,
  Ocius occurrat pro pietate viris.
Mittit equos faleris multos ostroque paratos,
  Qui revehant homines ad sua tecta novos.
Francisco subvectus equo Heroldus adibat,
  Coniux atque domus cuncta venire parat.
Caesar eum gaudens celsa suscepit ab aula,
  Ordinat expensas distribuitque dapes.
Heroldus regem adclinis affatur opimum,
  Incipit ore sua vota referre prior: ...

Übersetzug:
Siehe, da fliegen herbei durch die Fluten des Rheines einhundert Schiffe, die Segel schön gebunden mit weißen Knoten, beladen mit den Mannen der Dänen und auch mit Geschenk; das erste Boot trägt den König Herold (sic), dich, Ludwig sucht er. Geschuldet wird dir dieser Dienst, der du die Schönheit der Kirche gebührend wachsen lässt. Und schon näherten sie sich dem Ufer und waren im Hafen; der fromme Kaiser sieht dies von der hochragenden Burg herab, befiehlt dem Matfried, schnell den Männern entgegen zu laufen, begleitet von jungen Männern, wie es sich gehört. Mit schickt er viele Pferde, geschmückt mit Phalerae und Pupurdecken, die die Ankömmlinge zu ihren Zimmern tragen sollen. Auf fränkischem Pferd nahte der angekommene Herold, seine Frau und sein ganzes Gefolge machen sich auf den Weg. Der Kaiser empfing ihn freudig im hohen Palast, er ordnet das Nötige und verteilt die Essensplätze (?). Herold verneigt sich vor dem mächtigen König, spricht ihn an und beginnt als erster mit seinem Mund die Wünsche zu sprechen:...

Einhundert Schiffe sind es also wieder (wie die einhundert Säulen), mit denen Heriold kommt, unter Segeln, wie man das vom Meer her von den gefürchteten Normannen gewohnt war, was am windungsreichen Mittelrhein aber nur sehr selten gelingt, was ein jeder weiß, der schon einmal versucht hat, auf dem Rhein gegen die Strömung zu segeln.

Die Mehrung der christlichen Kirche durch Ludwig ist ein zentrales Motiv der gesamten Dichtung. Mit "Pietas" ist hier die Verpflichtung des Gastgebers, nicht seine "Frömmigkeit" gemeint.

Auf fränkischem Pferd muss Heriold reiten, Ermoldus formuliert es pointiert so und betont damit wahrscheinlich die dänische Abhängigkeit. Heriold verbeugt sich ("adclinis") vor Ludwig, der ihn gastfreundlich begrüßt und alles für ein Empfangsessen vorbereitet hat.

b) Heriolds Begrüßungsrede und Bitte um Aufnahme in die christliche Kirche

Die Rede Heriolds, lang und nach antiken Vorbildern rhetorisch gestelzt, erstreckt sich nun über 48 Verse. Darin wendet er sich nach der Missionstätigkeit Ebos von den alten Göttern ab, preist den Christengott und die Erlösung durch Christus in einer Art Glaubensbekenntnis und bittet um die Aufnahme in die Kirche (IV, 343-348 = 2224-2229):

Hanc mihi, Caesar amans, praesul sanctissimus Ebo
  Esse fidem vestram censuit ore suo;
Cuius ego exemplo verbis recreatus honestis
  Credo deum verum, respuo sculpta manus.
Idcirco ad vestrum properavi remige regnum,
  Ut mihi vestra fides consociata foret.

Übersetzung:
Dies sei, o liebender Kaiser, so sagte mir der heilige Ebo mit eigenem Mund, euer Glaube; durch dessen ehrwürdige Worte und Beispiel bin ich neugeschaffen und glaube an den wahren Gott und spucke auf die von Hand gemachten Götterbilder. Deswegen bin ich mit dem Ruder (sic) zu eurem Reich geeilt, damit ich in eurem Glauben aufgenommen werde.


c) Die Taufe

Der Kaiser antwortet darauf begeistert, und die Taufe wird unverzüglich durchgeführt, also, wenn man es wörtlich nimmt, unmittelbar nach der Ankunft und Begrüßungsrede des Dänenkönigs und in der Pfalz (IV, 349-368 = 2230-2249):

Caesar ad haec: "Herolde, tibi quae poscis, amice,
  Rite dabo, et grates inde rependo Deo,
Quo miserante diu sectatus iussa celidri
  Cristicolam tandem noscis adire fidem.
Ecce parate," iubet, "cuncti concurrite," Caesar,
  "Munera baptismi rite parare decet,
Candidolas vestes quales gestare decebit
  Cristicolis, fontes, crismaque, seu latices."
Ordine his gestis, sacris quoque rite paratis,
  Caesar et Heroldus tecta sacrata petunt.
Caesar honore Dei Heroldum suscepit ab undis,
  Vestibus albidulis ornat et ipse manu;
Judith reginam Heroldi pulcra induperatrix
  Fonte levat sacro, vestibus atque tegit;
Hlutharius Caesar, Hludowici filius almi,
  Heroldi natum sustulit a latice;
Regis honoratos proceres relevantque decorant,
  Ast alios plures turba levavit aquis.
O Hludowice, Deo quantas das, magne, catervas!
  Quantus odor Christo te faciente meat!

Übersetzug:
Der Kaiser darauf: "Heriold, worum du bittest, ich werde es dir gebührend geben und anschließend Gott danken, durch dessen Erbarmen du, nachdem du lange den Befehlen eines Dämons gefolgt bist, endlich den Weg zum christlichen Glauben erkennst. Auf denn, befiehlt der Kaiser, bereitet alles, kommt alle zusammen, jetzt müssen wir gebührend die Taufzeremonie durchführen, [holt] die weißen Gewänder, die Christen dabei tragen müssen, Wasser, Salböl und Weihwasser (?)! Nachdem dies ordentlich gemacht ist und die heiligen Riten vorbereitet sind, gehen beide, der Kaiser und Heriold, in das Heiligtum. Der Kaiser hilft zur Ehre Gottes Heriold aus dem Wasser und schmückt ihn eigenhändig mit einem weißen Gewand; die schöne Kaiserin Judith hilft der Königin Heriolds aus dem Wasser und bedeckt sie mit Gewändern. Kaiser Lothar, Sohn des holden Ludwig, hilft dem Sohn Heriolds aus dem Wasser; die Edlen helfen den Gefolgsleuten des Königs und schmücken sie, aber den vielen anderen half die Menge aus dem Wasser. Oh großer Ludwig, welche Menschenmassen gibst du Gott, welch großer Duft [von Weihrauch?] zieht zu Christus durch dein Tun!

Offenbar beschreibt Ermoldus hier eine Ganzkörpertaufe, die in der frühen christlichen Kirche üblich war, und nicht nur ein Übergießen mit Wasser, das zwar auch schon in der Antike möglich war, sich aber im Mittelalter allmählich durchgesetzt hat. In der Karolingerzeit war die Ganzkörpertaufe schon unüblich, weil es immer weniger Erwachsene gab, die sich noch taufen lassen konnten/mussten. In der Capitualtio de partibus Saxoniae aus dem Jahre 782 wurde den unterworfenen und zwangschristianisierten Sachsen vorgeschrieben, binnen Jahresfrist ihre Kinder taufen zu lassen, natürlich nicht in einem Ganzkörpertaufbassin.

Das für Ganzkörpertaufen geeignete Taufbecken aus Merowingerzeit im Turm der Remigiuskirche, das vor kurzem entdeckt wurde, soll nach den Forschungsergebnissen von Herrn Grewe in karolingischer Zeit mit Sicherheit nicht mehr benutzt worden sein. Also ist auch die Darstellung von Heriolds Taufe eher ein literarisches Zitat als ein realistischer Bericht. Ihr beschriebener Ablauf weist Ähnlichkeiten mit der Taufe Widukinds auf, des Anführers der Sachsen, 785 in der Pfalz Attigny, im Beisein des Taufpaten Karl.

d) Die anschließende Feier und das Festessen

Danach beschenkt man Heriold und seine Begleiter mit vielen wertvollen Geschenken, die ausführlich beschrieben werden (königliche Krönungsbestandteile wie einen Purpurmantel, mit Edelsteinen und Goldrand, ein goldenes Wehrgehänge, goldene Beinbinden, eine Krone, goldene Pantoffeln u.s.w.) - (Verse IV, 336-367 = 2248-2279).

Eine feierliche Messe mit Chorgesang schließt sich an. [Wo kam so plötzlich der Chor her, der mangels eines eigenen Ingelheimer Stifts aus Mainz hätte geholt werden müssen?!] Durch weite Palasträume geht der Festzug dann in die "Aula" , wo schon alles zum Festmahl vorbereitet wird (IV, 409ff. = 2290ff.). Im königlichen Speisesaal nehmen alle Platz, liegend, wie in der Antike, was im damaligen Frankreich eigentlich nicht praktiziert wurde, und die Dänen bewundern den fränkischen Speiseluxus (IV, 471-478 = 2352-2359).

Ermoldus schließt an diese Beschreibung eine Bilanz dieses Tages an (IV, 479-480 = 2360-2361):

Ille dies laetus Francis Denisque renatis
  Namque fuit merito, post recolendus erit.

Übersetzung:
Dieser Tag war ein Freudentag für Franken und die wiedergeborenen [d.h. getauften] Dänen, denn er war es zu Recht, später wird er erinnerungswürdig sein.

Eine für die Franken wahrhaft wünschenswerte Vision! Denn für die Jahre 817 und 818 wird von schweren Attacken der Normannen auf das Reich berichtet, die die Elbe und die Loire aufwärts fuhren und rasch wieder verschwanden, nachdem sie Kirchen und Klöster geplündert hatten. Um 820 wurden flandrische Küstenorte überfallen, und es begannen die Plünderungszüge auf der Seine, auch des Klosters Jumièges, in das Tassilo verbannt worden war. Die Normannen waren in diesen Jahrzehnten die gefährlichsten Gegner des Frankenreichs.

Vielleicht muss man hierin den Grund dafür suchen, dass Ermoldus der Taufe und Unterwerfung Heriolds wohl den größten Stellenwert unter allen von ihm beschriebenen Taten Ludwigs beimisst, was auf die Ingelheimer Pfalz "abfärbt", freilich in einer viel zu optimistischen Verkennung der politischen Tatsachen!


e) Die Jagd

Am nächsten Tag lädt Ludwig die Dänen zu einer Jagd am Rhein ein, die Ermoldus wieder liebevoll ausmalt (IV, 481-566 = 2362-2447). Hier nur einige Kostproben, die gesamte deutsche Nachdichtung von Pfund siehe hier!

IV, 485 - 566 = 2362-2447:

Insula propter adest, Rheni quoque gurgite cincta,
  Quo viret herba recens et nemus umbriferum;
Illuc quippe ferae multae variaeque fuerunt,
  Et late silvis turba iacebat iners...

Übersetzung:
Eine Insel liegt in der Nähe, umgeben auch von des Rheines Strudel; dort grünt frisches Laub und ein schattenspendender Wald; dort war viel verschiedenes Wild, und weit in den Wäldern lagerte sich abwartend die Schar...

Man erlegt u. a. Hirsche, Bären, Wildschweine, und auch der junge Kaisersohn Lothar will mitjagen, was ihm aber die Mutter Judith verbietet. Stattdessen wird ein Jungtier zu ihm gebracht, das er eigenhändig erschießt. Als die Jäger, vom Treiben ermüdet, zurück wollen, hält sie Judith auf, denn sie hat mitten im Grünen eine Laubhütte vorbereitet, in der man sich nun ausruhen und ein Essen und den Wein genießen kann, die dorthin gebracht worden sind - ein überaus idyllisches Bild! Schließlich kehren sie zur Pfalz zurück und trinken dort noch Wein.

Dann geht man in die Abendmesse, die Vesper, und darauf in die "palatinas domus", wohl den königlichen Palast. Dort hält der Kaiser die Jagdschau und verteilt die Jagdbeute, "Tausende" Hirsche, Bärenrücken, Rehe, Damwild" (IV, 559-566 = 2440-2447)

Ecce manus iuvenum, venatus munera tollens,
  Multa fluit, cupiens regis adesse oculis.
Milia cervorum praegrandia cornua, nec non
  Ursorum referunt tergora seu capita,
Plurima saetigerum revehunt et corpora aprorum:
  Capreolos, dammas fert puerile decus.
Ille pius praedam famulos partitur in omnes
  More suo, clero pars quoque magna cadit...

Übersetzung:
Sieh, da strömt herbei die zahlreiche Schar der Jungmänner, die Beute der Jagd tragend, in der Hoffnung, die Augen des Königs auf sich zu ziehen. Tausend riesengroße Hirschgeweihe und auch Bärenrücken oder -köpfe bringen sie, sehr viele Eber, Wildziegen (Rehe?), Hirsche bringt die Zierde der Jugend. Der Fromme teilt die Beute an alle Diener auf nach seiner Sitte, und auch für den Klerus fällt ein großer Anteil ab.

Wer noch über die "hundert" Säulen der Pfalz nachdenkt, der sollte sich spätestens hier, bei den "Tausenden" von Hirschgeweihen, damit abfinden, dass solche Zahlen nicht real sind.

Dass Ermoldus wohl auch schon einmal Gast bei einer solchen Jagd war, verrät die humorige Bemerkung am Ende: Der Kaiser hat es sich vorbehalten, die Jagdbeute selbst zu verteilen und vergisst auch den Klerus nicht, der u. U. auch leer ausgehen könnte, denn er ist nicht an der Jagd selbst beteiligt.


f) Heriold unterwirft sich und übergibt sein Reich in die Hände des Kaisers

Währenddessen denkt Heriold nach, fasst einen Entschluss und wirft sich Ludwig zu Füßen und spricht weit ausholend von seiner Bekehrung, kommt dann aber zu seinem eigentlichen Anliegen: Er unterwirft sich und sein Reich dem Frankenherrscher (IV, 601-608 = 2482-2489):

Mox manibus iunctis regi se tradidit ultro
  Et secum regnum, quod sibi iure fuit.
"Suscipe, Caesar, ait, me nec non regna subacta;
  Sponte tuis memet confero servitiis."
Caesar at ipse manus manibus suscepit honestis;
  Iunguntur Francis Danica regna piis.
Mox quoque Caesar ovans Francisco more veterno
  Dat sibi equum nec non, ut solet, arma simul.

Übersetzung:
Dann übergibt er sich freiwillig mit vereinten Händen dem König und zugleich das Reich, das er rechtmäßig besaß. "Nimm, Kaiser, sagte er unterwürfig, mich und auch mein unterworfenes Reich; freiwillig übertrage ich mich zu deinen Diensten." Der Kaiser aber nahm selbst seine Hände mit ehrwürdigen Händen; vereinigt wird so mit den frommen Franken das dänische Reich. Danach gibt der Kaiser frohlockend nach alter fränkischer Sitte ihm auch ein Pferd und wie üblich zugleich die Waffen.

Heriold wird also [nach Ermoldus jetzt erst] der Lehensmann des Kaisers und gibt ihm sein Königreich [das er nicht mehr hat] und erhält es als Lehen wieder vom neuen Lehnsherrn zurück. Tatsächlich wird er allerdings nicht wieder dänischer König.

Nach den Annales regni Francorum soll Heriold aber schon im Jahre 814 ein Lehnsmann Ludwigs geworden sein: "Quo facto Herioldus rebus suis diffidens ad imperatorem venit et se in manus illius commendavit; quem ille susceptum in Saxoniam ire et oportunum tempus exspectare iussit."

Übersetzung:
Dadurch - eine Niederlage im Kampf um seinen Thron - verzweifelte Heriold an seiner Situation, kam zum Kaiser und übergab sich ihm; dieser nahm ihn an und befahl ihm, nach (Nieder-) Sachen zu ziehen und auf eine günstige Zeit zu warten.

Ermoldus verlegt also dieses Lehensverhältnis in das Jahr 826 und verbindet es mit seiner Taufe. Allerdings könnte es auch nach so vielen Jahren erneuert worden sein, vielleicht mit anderem Inhalt.


g) Die Abfahrt

Am folgenden Tag wird ein weiteres Fest gefeiert, und nun beschenkt ihn der Kaiser mit einem Lehen in Ostfriesland an der Westseite des Jadebusens, der Grafschaft Rüstringen, mit Weinbergen (?) und allem, was zur Ausübung der christlichen Religion nötig ist. Der Ort Rüstringen ist heute in der Stadt Wilhelmshaven aufgegangen. Er gibt ihm auch Priester und Mönche mit, die dort missionieren sollen (auch anderweitig bezeugt).

Die Abfahrt der Dänen beschreibt Ermoldus mit den antiken Bildern poetischer Mittelmeerfahrt (IV, 623-632 = 2504-2513):

Interea nautae, pelagi qui pignora norant,
  Stipe rates onerant regificisque cibis;
Et iam vela vocant aurae, ventusque morantes
  Arguit, atque hiemis signa tremenda monet.
Navibus aequatis tandem velisque novatis,
  Cum licitu Heroldus intrat honore ratem.
Filius atque nepos ipsius regis in aula
  Excubiis vigilant, Francica iura colunt;
Heroldus dapibus variisque refertus et armis,
  Per mare fluctivagum propria regna petit.

Übersetzung:
Inzwischen beladen die Seeleute, mit den Problemen des Meeres vertraut, mit Vorrat die Schiffe und mit den Speisen vom König. Und schon rufen die Lüfte die Segel, der Wind mahnt die Säumigen und erinnert an die furchterregenden Zeichen des Winters. Nachdem schließlich die Schiffe ausbalanciert und die Segel gehisst sind, besteigt Heriold mit Erlaubnis und in Ehren sein Schiff. Sein Sohn und sein Neffe halten Nachtwache (?) im Palast des Königs, sie üben sich in fränkischem Recht (Sitten?). Heriold fährt, beladen mit verschedenen Speisen und Waffen, durch das hin und her wogende Meer (Gezeiten?) in sein eigenes Königreich.

"Vela vocant aurae" ("die Winde fordern die Segel") ist zitiert aus Vergils Äneis, III, 356/7: "Iamque ...aurae | uela uocant". Die "zitternden Zeichen des Winters" jedoch schon im Juni? Liegt auch hier ein Zitat aus anderer Dichtung vor?

Dass Heriolds Sohn, dessen Namen nirgends genannt wird, und ein Neffe (nach Faral ein Roric) anscheinend in Ingelheim zurückbleiben (als Geiseln?), geht aus den anderen zeitgenössischen Quellen nicht hervor. Dieses Faktum zu erfinden, wäre von der Komposition der Geschichte her nicht nötig, so dass man darin doch wohl eine reale historische Information sehen kann oder muss. Völlig erdichtet ist Ermoldus' Elegie also wahrscheinlich nicht.

Der ganze Besuch dauerte nach dieser Beschreibung drei Tage:

Erster Tag: Ankunft und Taufe
Zweiter Tag: Jagd und Vasallität
Dritter Tag: Abreise

Ein solches knappes "Besuchsprogramm" ist natürlich weit entfernt von jeder Realität.

Zwei Jahre später (828) griff derselbe Heriold voreilig dänische Dörfer an und machte dadurch die Friedensverhandlungen, die Ludwig vorbereitet hatte, zunichte: Dänen drangen wieder plündernd nach Süden vor (Annales r. Fr. a. 828, S. 175).


6. Schlussbetrachtungen Ermoldus'

Welche großen Erfolge hat doch Ludwig erreicht! Was durch Kämpfe nicht zu gewinnen war, das ergibt sich nun freiwillig. Was weder das mächtige Rom besaß - Dänemark - noch fränkisches Recht, das erhält Ludwig alles im Namen Christi (IV, 631-638 = 2516-2519).

Ja, Ermoldus versteigt sich sogar zu einer sonderbaren Idee: Er hat von einer (Wasser-) Orgel ("hydraulica") gehört, die zu bauen ein griechischen Presbyter Georgius aus Venedig Ludwig angeboten hatte, worauf dieser ihn nach Aachen verwiesen hat, damit er sie dort bauen kann.

Die Annales R. Fr. berichten dazu unter dem Jahr 826: "Venit cum Baldrico presbyter quidam de Venetia nomine Georgius, qui se organum facere posse adserebat; quem imperator Aquasgrani cum Thancolfo sacellario misit et, ut ei omnia ad id instrumentum efficiendum necessaria praeberentur, imperavit." -

Es kam mit dem Prebyter Balderich jemand aus Venedig mit Namen Georg und versicherte, er könne eine Orgel bauen. Den schickte der Kaiser nach Aachen mit seinem Schatzmeister Thangolf und befahl, dass ihm alles zum Bau des Instrumentes Nötige gegeben werden solle.

Schon zum Jahre 757 hatten dieselben Annalen von einer Orgel berichtet, damals als Geschenk aus Konstantinopel an die Franken - es war also ein begehrter Gegenstand.

Übrigens schickte Ludwig ihn nach Aachen und ließ ihn das Instrument nicht etwa gleich in bzw. für die Ingelheimer Pfalz bauen. Diese Meldung bringen die Annales direkt nach einem Bericht über die Bulgaren auf dem Ingelheimer Reichstag, so dass diese - offenbar für sensationell gehaltene - Orgelgeschichte anscheinend tatsächlich in Ingelheim behandelt wurde. Er hat den Orgelbau auch erfolgreich abgeschlossen, denn Ludwig belohnte ihn mit der Stelle eines Abtes von Saint-Sauve in Valenciennes (an der Schelde) (Einhard, Translatio 4, 11, S. 258-260). Dorthin schickte Einhard auch einige Teile seiner Heiligenreliquien, woraufhin Georg die Wunder, die die Heiligenteile dort bewirkten, für Einhard aufschrieb.

Dieses Ereignis beflügelt Ermoldus nun zu folgender Überlegung (IV 639-648 = 2520-2529):

Organa quin etiam, quae numquam Francia crevit,
  Unde Pelasga tument regna superba nimis,
Et quis te solis, Caesar, superasse putabat
  Constantinopolis, nunc Aquis aula tenet.
Fors erit indicium, quod Francis colla remittant,
  Cum sibi praecipuum tollitur inde decus.
Francia plaude, decet; Hludowico fer, pia, grates,
  Cuius virtute munera tanta capis.
Det Deus omnipotens, caeli terraeque repertor,
  Saecla per ampla suum nomen in orbe sonet.

Übersetzung:
Ja sogar eine Orgel, die noch nie im Frankenland gebaut wurde, woher das Griechenreich seine riesige Arroganz nimmt, und durch die allein, mein Kaiser, Konstantinopel glaubte überlegen zu sein, die hat nun der Hof in Aachen! Vielleicht wird das ein Indiz dafür sein, dass sie sich den Franken unterwerfen, wenn ihnen dann dieser vorzügliche Ruhm genommen wird. Francia, spende Beifall, es gehört sich so; danke, fromm, dem Ludwig, durch dessen Tüchtigkeit du solche Geschenke erhältst. Es gebe der allmächtige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, dass durch viele Jahrhunderte hindurch sein Name [Ludwigs] in der Welt widerhallt.

Für den Liebhaber antiker Rhythmusdichtung ist natürlich die in den Hexameter passende Verwendung des Ortsnamens "Cónstantínopolís" ein Genuss. Andererseits wirkt die Unterstellung, die Fähigkeit, Orgeln zu bauen, sei die einzige Ursache griechischen Überlegenheitsgefühls gegenüber den Franken, doch sehr abwegig! "Jetzt hat auch Aachen eine Orgel!" jubelt Ermoldus.

Blitzt hier fränkisches Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Byzanz auf? Ist der Baustil der Ingelheimer Pfalz vielleicht auch unter diesem Aspekt zu werten? Sollten ihre Prachtbauten vor allem den Byzantinern Konkurrenz machen? Vorbilder dazu müsste man dann vor allem im damals "langobardischen" Oberitalien suchen, nicht in der klassischen Antike.

Daran die Hoffnung zu knüpfen, dass sich nun auch Byzanz den Franken beugen werde - hatte Ermoldus wirklich so wenig Ahnung von den realen politischen Machtverhältnissen?


7. Straßburger Visionen als Anhang

Die letzten Verse bis IV, 648 = 2529 hätten sich eigentlich gut als Abschluss des Buches geeignet (natürlich ergänzt mit Ermoldus' Schlussbitten um Vergebung); aber der Autor fügt noch 100 Verse mit zwei Begebenheiten aus Straßburg an, wo vor Jahren ein Mönch Theutram(mus) zwei Visionen himmlischer Besucher in der Kirche St. Maria, seinem Verbannungsort, gehabt hatte (IV, 649-746 = 2530-2627):

Einmal erschien dem Theutram ein Adler, umgeben von überirdischem Licht, und ein anderes Mal drei himmlische Männer, die an den Altären der Kirche beten und wieder durch das währenddessen offene Dach verschwinden. Und dies zur selben Zeit, als Bonifatius den Märtyrertod stirbt (im Jahr 754 oder 755)! Man fragt sich, welchen dramaturgischen Stellenwert diese Straßburger Visionen, die schon viele Jahre her waren, für die Gesamtkonzeption des Gedichtes haben sollen. Andererseits spricht aus ihnen, wie Faral darlegt, eine genaue Ortskenntnis Ermoldus' in jener Kirche, die er ja persönlich jahrelang besucht hat.

 

8. Der Schlus: Ermoldus bittet den Kaiser um Vergebung

Den Abschluss des vierten Buches und damit des gesamten Werkes bilden 22 Verse (IV, 747-768 = 2628-2649), in denen Ermoldus die Elegie dem Kaiser Ludwig widmet und ihn (und seine "wunderschöne" Frau Judith!) um Vergebung bittet: "carcere solve reum" ("erlöse den Angeklagten aus seinem Gefängnis")!

 

Welchen Quellenwert hat nun Ermoldus Beschreibung der Ingelheimer Pfalz und der Ereignisse dort?

Wie schon Faral dargelegt hat, befindet man sich bei Ermoldus, dessen dichterische Qualität er nicht besonders hoch veranschlagt ("arm, mit wenig Originalität") immer in einem Zwiespalt zwischen einerseits der erstaunten Kenntnisnahme so vieler Details, die sonst nirgendwo überliefert sind (hier z. B. das Zurücklassen des Sohnes und Neffen in Ingelheim) und andererseits dem starken Eindruck von Unmöglichem (hier die Taufe in Ingelheim) bzw. Unwahrscheinlichem wie einer Jagd, wie Ermoldus sie schildert, denn vom leidenschaftlichen Jäger Ludwig sind in den verschiedenen Annalen nur Jagden in ausgedehnteren Wäldern, z. B. der Vogesen oder den Ardennen oder der Rhön, überliefert, nicht aber in Ingelheimer Auen. Soll man aber glauben, dass Ludwigs dreijährigem (!) Sohn Karl wirklich eine Hirschkuh vorgeführt wird, damit er sie schon erlegen (bzw. verwunden) kann?

Vielleicht muss man die gesamte Schilderung des Dänenbesuchs als eine Art von dichterischer Inszenierung in "drei Akten" auffassen, die uns aber trotz der vielen Worte bedauerlicherweise nur sehr wenig über das wirkliche Aussehen der Pfalz und ihrer Gebäude mitteilt: hochgelegen, etwas abseits vom Rhein und seinen Inseln, viele Gebäude, viele Säulen, prächtig.

Eine Parallele für solche dichterische Kompositionen kann man vielleicht im "Paderborner Epos" über die Begegnung Karls mit Papst Leo, das bisweilen Einhard zugeschrieben wird, sehen, in dem nach dem Vorbild von Vergils Karthago die Pfalz in Aachen sogar ein Theater und einen Hafen zugewiesen bekommt. Binding legte sich fest (S. 123): "Ich halte das ganze Preislied des Ermoldus Nigellus, der die nach seiner Meinung von Ludwig dem Frommen erbaute Pfalz wohl nicht aus eigener Anschauung kannte, für reine dichterische Phantasie." Und ich kann nicht anders, als ihm zu folgen.

Aber auf jeden Fall wird daraus deutlich, welch' hohen Ruf die Ingelheimer Pfalz zur Zeit Ludwigs hatte, so dass Ermoldus sie zur "Bühne" des wichtigsten Ereignisses seiner Dichtung macht.

 

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Gs, erstmals: 11.10.09; Stand: 15.10.17