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Ermoldus: Die Jagd in Ingelheim


Die Jagd auf einer Insel bei Ingelheim anlässlich der Taufe des Dänenkönigs Heriold/Hariold 826, aus: Theodor Gottfried Martin Pfund: Lobgedicht auf Kaiser Ludwig. Ermoldus Nigellus. Berlin 1856

Autor: Hartmut Geißler,
nach einem Text zur Studioausstellung „Ludwig der Fromme in Ingelheim“, Museum bei der Kaiserpfalz, 14.10. bis 11.11.2001,


Die Jagd - Repräsentation und des Kaisers Vergnügen

Bei den Franken spielte die Jagd als herrscherliche Repräsentationsveranstaltung eine zentrale Rolle im höfischen Leben. Reiten und Jagen dienten der körperlichen Ertüchtigung und boten Gelegenheit, Mut, Kraft und Ausdauer zu beweisen. Ludwig soll schon als kleiner Knabe ein tüchtiger Reiter gewesen sein. Wie Thegan, sein Biograf, versichert, war das Waidwerk des Kaisers Vergnügen und Leidenschaft. Selbst in krisenhaften Zeiten suchte er Ablenkung in der Jagd. Das erklärt vermutlich auch, warum zum Beispiel sein Falkner Gerricus offensichtlich eine Vertrauensstellung besaß, die mit umfassenden Aufgaben und Befugnissen verbunden war. Von Thegan wissen wir, dass Ludwig es liebte, im Park seiner Aachener Pfalz mit wenigen Begleitern zu jagen und im Winter Falken aufsteigen zu lassen. Aber auch in den Jagdgehegen seiner anderen Pfalzen, auf einer Rheininsel bei Ingelheim (?), bei Remiremont, Compiègne, Quierzy, Kreuznach, Frankfurt, Salz, Nimwegen, in den Wäldern und Bergen der Vogesen, der Ardennen und der Eifel war er regelmäßig alljährlich im Herbst, bisweilen außerdem im Frühjahr und im Sommer anzutreffen.

Gelegentlich lud der Kaiser auch zum Fischfang in die Umgebung von Remiremont ein. In der Elegie des Ermoldus Nigellus rühmt sich der Wasgau: "In meinen Schluchten pflegen die Könige zu jagen; hier flieht, vom Pfeile getroffen die Hirschkuh zum Quell, dort strebt der schäumende Eber zum bekannten Fluss hin."

Der Kaiser selbst erlegt in Gegenwart der Gäste und seiner Gefolgschaft viele Tiere, Lothar, sein Sohn und Nachfolger, erschlägt Bären mit eigner Hand, und der noch junge Karl kann nur mit Mühe davon abgehalten werden, sich an dem wilden Treiben zu beteiligen. Er darf schließlich einen ihm zugeführten Damhirsch mit eigener Waffe töten. Die euphorische Schilderung dieses blutrünstigen Geschehens, in dem der Dichter den Beweis für die Herrschaftsfähigkeit der Kaisersöhne sieht, mag uns heute befremden. Für die damaligen Leser dürfte die Symbolik des Schauspiels in ihrer politischen Dimension nachvollziehbar gewesen sein.

Text aus Buch IV, 481-566 = 2362-2447:

Bald schon nahte der morgende Tag mit der frühesten Röthe,
  Scheuchend vom Pol das Gestirn, wärmend die sonnige Flur.
Da macht auf sich der Kaiser zur Jagd mit den Franken wie Brauch ist,
  Und daß Herold mit ihm gehet, erläßt er Befehl.
Unfern lieget ein Werth von den Fluten des Rheines umgeben,
  Frisch grünt Rasen darauf und auch der schattige Wald,
Drinnen lebt viel wildes Gethier der verschiedensten Gattung
  Und im Forste zerstreut lagern die Rudel bequem.
Diesen erfüllten zur Linken und Rechten die Haufen der Jäger,
  Und eine mächtige Schaar Hunde mit ihnen zugleich.
Ueber die Flur hin jagte der Kaiser auf flüchtigem Rosse,
  Wito mit Pfeilen versehn reitet begleitend mit ihm.
Zahlreich toset die Schaar der Männer und Knappen im Walde,
  Hluthar mit ihnen zu Pferd stürmet im Trabe vorauf.
Und auch die Dänen sind dort, nicht fehlet Herold der Gastfreund,
  Welcher das Jagen zu seh’n ebenso fröhlich erscheint.
Judith, die fromme und schöne Gemahlin des Kaisers besteiget
  Jetzo den Zelter, geschmückt, wunderbar, herrlich zu schau’n.
Und bei der Herrin ziehen vorüber die mächtigsten Fürsten,
  Hierauf der Großen Gefolg‘, ehrend den Kaiser so fromm.
Und schon hallen des Forstes Reviere vom Bellen der Hunde,
  Jagdruf tönet von hier, dorten des Hornes Signal.
Auf springt Wildbret, fliehend dahin durch struppige Dornen;
  Nicht bringt Rettung die Flucht oder auch Wasser und Wald.
Mitten im Rudel der Hirsche verendet getroffen der Schaufler,
  Trotz der Hauer ereilt selber den Eber der Spieß.
Fröhlich erleget der Kaiser gar manches Gethier in dem Walde,
  Selbst mit der eigenen Hand trifft er es sicheren Wurfs.
Hluthar der Schnelle, von blühendem Alter und trauernd der Jugend,
  Trifft mit der tapferen Hand grimmige Bären in Meng‘.
Zahlreich bringet zerstreut auf offener Wiese der Männer
  Uebrige Schaar des Gethiers mancherlei Arten den Tod.
Aber ein Hirschkalb flieht vor der feindlichen Meute der Hunde
  Hin im schattigen Hain, springend durch dichtes Gebüsch.
Siehe, vorüber am Ort, wo der Großen Gefolg‘ und die Kais’rin
  Judith weilet und Karl selber, ihr Knabe, dazu,
Stürzt es; im flüchtigen Fuße beruht sein einziges Hoffen,
  Bringt nicht Rettung die Flucht, wehe, so droht ihm der Tod.
Kaum hat’s Karl nun, der Knabe, erblickt, sieh‘ da, wie der Vater
  Will er es jagen; ein Roß fordert sein dringendes Fleh’n.
Lebhaft ruft er nach Waffen, nach Bogen und schnellen Geschossen,
  Will mit Gewalt hinterdrein, wie er’s vom Vater geseh’n.
Legt sich auf Bitten und Flehen, allein ihm gebietet die schöne
  Mutter zu bleiben und giebt seinem Verlangen nicht nach.
Hielt‘ ihn der Lehrer, die Mutter nicht fest, wie eifrig er los will,
  Liefe nach Kindermanier vorwärts zu Fuße das Kind.
Aber die Jünglinge folgen geschwind und ergreifen das flücht’ge Wild,
  Das lebend sodann wird zu dem Knaben gebracht.
Der nimmt Waffen zur Hand, so zarter Jugend sich eignend.
  Und es verwundet des Thiers mächtigen Rücken der Knab‘.
Diesen umgiebt nun die Zierde der Pagen und dränget sich an ihn,
  Der mit des Vaters Gemüth einet den Namen des Ahns,
Wie auf delischen Höhen Apoll hinschreitet im Glanze,
  Und der Mutter erregt mächtige Freud‘ in der Brust.
Doch der Vater, der herrliche Kaiser und sämmtliche Mannschaft
  Sehnt sich, erschöpft von der Jagd, nach einem gastlichen Dach.
Aber in Mitten des Forsts hat Judith ein grünendes Mooshaus
  Fertig gebaut mit Bedacht und es zur Laube gedeckt.
Mit Flechtruthen des Busches und häufig geschorenem Buchsbaum.
  Laken umhüllen den Bau, drüber ist Linnen gespannt.
Und auf grünendem Rasen der Wiese bereitet sie selber
  Hludwich dem Frommen den Sitz, ordnet das Mahl ihm darauf.
Nieder läßt sich der Kaiser, nachdem er die Hände gewaschen,
  Und sein schönes Gemahl auf dem vergoldeten Pfühl.
Hluthar der Schöne, daneben auch Herold, der theuere Gastfreund,
  Sitzen am Tische vereint, wie es der König befahl.
Rings ist die übrige Meng‘ auf blumigem Boden gelagert,
  Und den ermüdeten Leib pflegt man im schattigen Hain.
Jünglinge tragen dann auf vom Wilde die fettesten Braten,
  Wildbret jeglicher Art kommt zu dem fürstlichen Schmaus.
Hunger verscheuchet das Mahl, zu den Lippen erhebt sich der Becher
  Und es vertreibet den Durst schleunig der edele Trank.
Bald vom herrlichen Wein sind fröhlich die tapferen Herzen,
  Heiter ins fürstliche Haus kehren die Männer zurück.
Dann zum Palaste gekommen, erquicken das Herz sie mit Weine,
  Bis zu der Vesper es Zeit, die man des Abends begeht.
Als nun auch diese vollbracht nach Gebrauch gar würdig mit Ehrfurcht,
  Geht in das fürstliche Haus jeglicher wieder zurück.
Siehe da kommet der Jünglinge Schaar mit den Gaben des Waidwerks
  Strömend in Menge, damit halte die Jagdschau der Fürst.
Mächt’ge Geweihe von Hirschen zu Tausenden, und auch der Bären
  Rücken und Haupt im Triumph bringen herbei sie geschleppt.
Bringen auch Eber mit borstigen Leibern in reichlicher Anzahl,
  Rehe wie Damwild auch tragen die Pagen herbei.
Unter die Diener vertheilet der Fromme wie früher die Beute,
  Und auch der Klerus erhält manches gar treffliche Stück.

Digitalisat des gesamten lateinischen Textes in den MGH

 

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Gs, erstmals: 13.10.09; Stand: 04.04.187