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Der Sandhof - heute Restaurant, bis ca. 1800 ein großer Gutshof des Klosters Eberbach mit Verwaltungsfunktionen

 

Autor: Hartmut Geißler
nach
Sturm 1968, S. 47-50
Heinemann 2021, S. 100
und unter Benutzung der Webseite Historisches Heidesheim (22.05.21)
sowie der Webseite des Restaurants von Dirk Maus (23.05.21)

 

Etwa 1200 Meter vom Heidesheimer Ortszentrum entfernt liegt ein großer, alter Hofbezirk von (heute) 16 Morgen, von alten, 800 m langen Mauern umgeben, mit Wohnhaus, einer Zehntscheuer, früher einer Kapelle und langgestreckten Wirtschaftsgebäuden. Durch den Eisenbahn- und Autobahnbau wurde er im Norden und Osten von seinem Umland abgeschnitten, sodass er nur mehr von oben, von der Landstraße, oder von Heidesheim her zu erreichen ist. Es ist der Sandhof, der vom hohen Mittelalter bis zur Zeit Napoleons eine "Grangie" des Klosters Eberbach (Klostergründung 1136) war.

[Er] wurde in den Jahren 1162 bis 1178 als Wirtschaftshof des Zisterzienserklosters Eberbach in der Heidesheimer Gemarkung erbaut, nachdem in der Mitte des 12. Jahrhunderts Berta von Imsweiler ihren ausgedehnten Streubesitz in der Feldmark des Weilers Walsheim (Heidenfahrt) dem Kloster geschenkt hatte. (Sturm, S. 48)

Die älteste noch erhaltene Urkunde zum Sandhof stammt von 1250. In ihr verzichteten die Ritter einer (unleserliche Name) Familie zugunsten des Klosters auf alle Rechte an dem Sandhof (HStAD Wiesbaden, A 2, 208/1).

1259 verkaufte das Hospital zu Mainz seine Herbergsrechte an den Sandhof (HStAD, A 2, 208/5-6). Seine Lage an einer Kreuzung zwischen der alten Straße von Mainz nach Bingen mit einem Weg, der aus Richtung Ober-Olm über den Layenhof (heutiger Flugplatz) zum Sandhof und zum Rhein führte, machte den Sandhof wohl auch als Herberge geeignet.

Verwaltungsmäßig gehörte er mit seinem Besitz ebenso wie die Eberbacher Besitzungen in Ober- und Nieder-Ingelheim im Spätmittelalter zum Eberbacher Verwaltungsbezirk "Syndikat Gau".

In solchen klösterlichen Verwaltungsbezirken übten sog. "Syndici" die Rechtsprechung aus, die in deutschsprachigen Urkunden und auch den Ingelheimer Haderbüchern "Reidmeister" genannt wurden. "Reide/Reite", wahrscheinlich abgeleitet von mhdt. "reide" - Umkreis, meinte das gesamte Grundstück einer Hofstatt, einer "Hofreite"; "Reidmeister/ Reitmeister" war also ein altertümlicher Ausdruck für einen Hofmeister. Hier wird die originale Schreibweise der Haderbücher des 15. und 16. Jhs. mit -d- verwendet, um falsche Assoziationen zu reiten oder Rittmeister zu vermeiden.

Nachdem Eberbach im Jahr 1479 die Hersfelder Weinzehntanteile in Ober-Ingelheim erworben hatte, verbunden mit der Bedingung, den etwas verfallenen Hersfelder Zehnhof in Ober-Ingelheim (heute Geismarscher Hof) zu renovieren, begann die Klosterverwaltung mit den vereinbarten Baumaßnahmen, die zum Jahresende 1480 beendet waren.

Die Kostenaufstellung ("Zettel") wurde vom Eberbacher "Reydmeister" Jakob vom Sandhof mit Vermerk im Ober-Ingelheimer Haderbuch 1476-1465 aktenkundig gemacht. Man kann daraus schließen, dass dieser auch die Aufsicht über die Baumaßnahmen in Ober-Ingelheim und wahrscheinlich auch über die Nieder-Ingelheimer Grangie auf dem Böhl hatte, denn auch im Nieder-Ingelheimer Haderbuch von 1521-1530 kommen wiederholt die Reidmeister Johann und Ludwig als Kläger vor.

In Eberbacher Wein- und Geldzinsregistern von 1452 bis 1501 bzw. von 1559-1550 sind Eberbacher Einkünfte aus Ober- und Nieder-Ingelheim belegt.

Walter Schleuß schreibt zum Sandhof auf der Webseite Historisches Heidesheim (22.05.21):

Die Arrondierung des klostereigenen Besitzes durch weitere Schenkungen und Zukauf war so erfolgreich, dass der Sandhof im Laufe der Jahrhunderte zu den reichsten Höfen des Klosters wurde und fast ein Drittel der Heidesheimer Gemarkung umfasste. Um 1500 erreichte der Landbesitz über 1000 Morgen, darunter allein 160 Morgen Wald. [...] Bekannt war der Sandhof ... durch seine ausgeweitete Schafzucht, die immer wieder zu Rechtsstreitigkeiten mit Heidesheim führte, die selten friedlich beigelegt werden konnten und wie 1772/73 oder 1778 in langwierigen Verfahren vor dem churfürstlichen Hofgericht endeten. In einer Zeit, als der Viehbestand neben den eher kärglichen Ernteerträgen die wesentliche Grundlage für die bäuerliche Existenz bedeutete, war die gegen alle Tradition ins Uferlose angewachsene Schafherde des Klosters eine bedrohliche Konkurrenz, wenn Rinder- und Schweinehirt der Gemeinde ihre Herden von April bis Martini auf die Weideflächen trieben. Zur damaligen Zeit war der Viehbestand auch in Heidenfahrt so groß, dass die Bewohner einen eigenen Kuhhirten verpflichteten. Wo sollten die Heidesheimer ihr Vieh auch weiden lassen, da die ursprünglich 200 Schafe umfassende Sandhofherde 1778 auf 600 Tiere aufgestockt war?

Die Herde war so groß, dass für die Schafschur eigens Tagelöhner eingestellt werden mussten. Ein reger Austausch zwischen Grangien und Kloster aber auch zwischen den einzelnen Wirtschaftshöfen bezeugt eine effektive Vernetzung, ein gut funktionierendes Wirtschaftssystem. Eberbach wurde von den verschiedenen Grangien, besonders vom Birkerhof bei Essenheim und vom Sandhof, mit so viel Wolle beliefert, dass ein Teil auf dem Frankfurter Markt verkauft wurde. Erwiesenermaßen wurde in Heidesheim auch Schafkäse produziert, der bis nach Köln verschifft wurde. Bereits für die Frühzeit sind auf der Nonnenau ein Obstgarten und auf dem Sandhof eine Imkerei belegt. Zur Eigenversorgung wurde am Oberlauf des Sandbachs eine Mühle errichtet.

Als 1792 die alte Heidesheimer Kirche abgerissen wurde, wurde vom Kloster die große Scheune als Notkirche eingerichtet, da dies in Heidesheim der einzige Ort war, der die zahlreiche Gemeinde aufnehmen konnte. Dazu wurde der Lettner der Hofkapelle in die Scheune eingebaut. Lettner und siebenstufige Treppe zur Altarnische sind noch heute erhalten.

Als kürzeste Verbindung vom Ort zum Sandhof wurde das “Gaadepeedche” angelegt und ein neuer Zugang an der Westecke an der Sandhofmauer gebrochen.

Bis 1798 fand hier der Sonntagsgottesdienst statt, und als unter französischer Besatzung 1798 auch der Sandhof wie aller geistliche Besitz zu französischem Nationalgut erklärt wurde, wurde auch der Gottesdienst verboten.

Durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 fiel das Kloster Eberbach zur Entschädigung für den Verlust linksrheinischer Gebiete an das Herzogtum Nassau, das wiederum 1866 mit der Hauptstadt Wiesbaden von Preußen annektiert wurde. Daher ist das für Eberbach zuständige Archiv das Hessische Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden.

Auch der Sandhof wurde mit ca. 600-700 Morgen im Jahr 1806 versteigert, und zwar an den Mainzer Musikverleger Bernhard Schott. 

Dieser ließ auch die Kapelle abreißen, um aus den Steinquadern das Wasserhaus für eine in der ehemaligen Zehntscheune errichtete Getreidemühle zu bauen. Bernhard Schott starb auf dem Sandhof, und seine Witwe verkaufte das Areal an Wilhelm Metternich. Nach 1863 kaufte Herr von Reinbach das Anwesen. Der Sandhof verschuldete und geriet in Konkurs. So kam der innere Bezirk 1872 für 23 000 Mark an die Familie Krebs. (Webseite Historisches Heidesheim, 22.05.21)

Aus der Hand des Vaters Karl Krebs übernahm ihn im Jahre 1894 sein Sohn Ernst (geb. 4. 6. 1871, gest. 18. 2.1948), der in jahrzehntelanger, unentwegter Arbeit Bahnbrechendes leistete zur Erforschung der Geschichte seines Hofes und seiner Heimatgemeinde. (Sturm, S. 49)

Seit 2009 wurde das ehemalige Hofgut vom Sternekoch Dirk Maus zu einem Restaurant mit Veranstaltungshalle (in der alten Scheune) ausgebaut. Er ließ auch ein Stück des Sandbaches renaturieren.

 

Gs, erstmals: 22.05.21; Stand: 29.10.21