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Epitaph des Wilhelm von Ockenheim, genannt von Ingelheim


Verfasser und Foto: Hartmut Geißler


Wilhelms Epitaph in der Burgkirche:

Wilhelm von Ockenheim (Foto Gs)

Der Verstorbene steht in vollplastischer Gestalt in Plattenpanzer und Sturmhaube mit aufgeklapptem Visier, leicht nach links (vom Beschauer aus) gewendet auf einem Hunde vor der Rückplatte, die nach oben durch einen im Dreieck geschlossen, etwas schmäleren Wappenaufsatz erweitert ist. Mit der Linken faßt er den an einem Riemen um die spätgotisch scharf eingezogenen Hüften gehängten Zweihänder, die Rechte stützt sich auf die nur in zwei geringen Resten erhaltene Streitaxt. Die Wappen im Aufsatz und rechts und links neben dem Kopfe sind zerstört. (Rauch, Kunstdenkmäler, S. 504)

Die lateinisch-deutsche Umschrift in gotischen Minuskeln lese ich unter Zuhilfenahme von Rauch wie folgt:

1. links: an[n]o + d(o)mi(n)j + mo + cccco + lxv + jar + ofdorstag + nach + sant + bonifatuz + tag /
= anno domini millesimo quadringentesimo sexagesimo quinto (=1465) Jahr auf Donnerstag nach St. Bonifatiustag (5. Juni) ...

2. rechts: ... starb + der + vest + wilhel(m) + vo(n) + ocke(n)u(m) + de(n) + ma(n) + nant + von + ingelh(e)im + dem + got + genad
= ... starb der feste (= tapfere) Wilhelm von Ockenum (= Ockenheim), den man nannte von Ingelheim. Dem (schenke) Gott Gnade.

Der genaue Todestag und der Name wurden üblicherweise auf den Beschriftungen genannt, um ein regelgerechtes Gedenkgebet für den Verstorbenen zu ermöglichen, damit Gott ihn so bald wie möglich aus dem Fegefeuer erlöse ("dem got genad"). Seit etwa 1480 setzte sich nach Scholz, S. XXIX, stark zunehmend die deutsche Sprache bei solchen Gedenkumschriften durch.

Wilhelms Umschrift von 1465 ist somit ein sehr frühes Beispiel für diesen Sprachwechsel zur Nationalsprache. "Ritter" bzw. "miles" wird er zwar in der Umschrift nicht genannt, hat aber auch den ritterlichen Rüsthaken für die Turnierlanze am Harnisch.

Die Linie der Herren von Ockenheim, genannt von Ingelheim, ging möglicherweise aus einem Familienzweig derer von Nieder-Ingelheim hervor. Rudolf Echter lässt diesen mit einem Giselbert von Nieder-Ingelheim beginnen, der zweimal nachgewiesen ist (1281 und 1314).

Die Linie erlosch nach Echter mit einem gleichnamigen Sohn 1472, der verheiratet war mit einer nicht näher bekannten Frau von Winterbach ("Margrett Winterbechern" im Haderbuch OI 1476, f. 116). Um deren Erbe gab es 1479/80 einen längeren Rechtsstreit, der im Haderbuch OI 1476 seinen Niederschlag fand. Seine Schwester Yrmel war eine verheiratete von Venningen (Haderbuch OI 1476, f. 152).

Wilhelm von Ockenheim, genannt von Ingelheim, war 1439 zusammen mit Wenzel von Cleen als Burgherr von Sachsenhausen belehnt worden, und in einer Urkunde vom 13. Januar 1452, in der die Arrogation (etwa = Adoption) des späteren Pfalzgrafen Philipp ("des Aufrichtigen") durch seinen Onkel Friedrich I. als Nachfolger im Kurfürstenamt durch den pfalzgräflichen Adel bestätigt wurde, wird er unter insgesamt 54 Personen als "Wilhelm von Ockenheim, gnant von Ingelnheim" erwähnt, und zwar als Amtmann von Kaub ("Cube"). Die Burg und der Rhein-Zoll von Kaub waren 1277 von den Herren von Falkenstein, einem Seitenzweig der Bolander, an die Pfalz verkauft worden, so dass dort ein kleines, aber einträgliches pfälzisches Amt entstand. Der im 14. Jahrhundert auf einer Rheinaue erbaute Zollturm Rheingrafenstein wurde zum Wahrzeichen Kaubs.

Wahrscheinlich war Wilhelm derjenige Mitschöffe und Schultheiß in Ober-Ingelheim, der 1443 beim Oberhof wegen eines Straßenraub-Urteils anfragte. Aus Frankfurter Ratsunterlagen geht hervor, dass er sich (vergeblich) um die Stelle eine Schultheißen in Frankfurt beworben hat.

Wilhelm hatte also eine solche Bedeutung, dass er in jenes wichtige Dokument über die Thronfolge in der Pfalzgrafschaft (s.o.) mit einbezogen wurde. Er rangiert darin allerdings nicht unter den "Rittern", wie z. B. Hans von Sickingen oder Friedrich von Flersheim, sondern später unter den Amtmännern (Schaab/Lenz, Urkunden, S. 235). Auch Rudolf Echter nennt ihn nicht "Ritter". Ohnehin scheint - trotz der manirierten Turnier-Ritterrüstung seines Epitaphs - sein Leben eher mit professioneller Gerichts- und Verwaltungsarbeit als mit kämpferischen Rittertaten ausgefüllt gewesen zu sein.


Wilhelm von Ockenheim und Hans von Ingelheim stehen heute wie zusammengehörig rechts und links neben einem Strebepfeiler des südlichen Seitenschiffs und werden deswegen auch oft so fotografiert (s.u.). Das war aber nicht immer so, denn ursprünglich standen Hans, sein Vater Philipp und seine Mutter Mia dort nebeneinanander, während Wilhelm nach Helwich wohl irgendwo "in medio", d.h. in der Mitte stand.

Wilhelm von Ockenheim (rechts) und Hans von Ingelheim (links, etwas größer) nebeneinander. Foto: Hist. Verein

 

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Gs, erstmals: 03.11.08, Stand: 26.03.17