Sie sind hier:   Ober-Ingelheim > Wehrmauern Ober-Ingelheim

Die Wehrmauern von Ober-Ingelheim

 

Autor und Fotos: Hartmut Geißler
nach: Karl Heinz Henn: Die Ortsbefestigung von Ober-Ingelheim. Sein Text ist kursiv gedruckt.
Ortsplan aus Rauch, Die Kunstdenkmäler des Kreises Bingen, 1934,
weiter bearbeitet von Klaus Peter Wörns, 2016
Neueste Literatur: Hundhausen in: Ingelheim am Rhein 2019, S. 314-325

Karl Heinz Henn musste 1987 noch feststellen:

Wann es zur Umwehrung des Reichsdorfes Ober-Ingelheim mit Mauern, Türmen und Toren gekommen ist, kann nicht genau festgestellt werden, da hierüber keinerlei Urkunden vorliegen...

und er vermutete:

Die Einwohner Ober-Ingelheims und Groß-Winternheims ... dürften in den Jahrzehnten nach 1254 (dem Ende der Stauferzeit; Gs) unter der Führung des ortsansässigen Adels mit dem Bau der beschriebenen Befestigungsanlagen begonnen haben. Sicher wurden diese im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ergänzt und erneuert ...

Diese Vermutungen wurden im Großen und Ganzen bestätigt durch die Untersuchungen, die 2009 bis 2011 bei der Instandsetzung von Teilen der Ortsbefestigung durchgeführt wurden. Darüber berichtet Jutta Hundhausen in einem Beitrag zur Ingelheimer Geschichte von 2919 ("Ingelheim am Rhein").

Sie fasste zusammen (S. 324/5):

Die neu gewonnenen Daten und Baubefunde zur Uffhubtor und zum Ohrenbrücker Tor, zur Mauer bzw. dem Turm an der Bahnhofstraße und zur Befestigung an der Burgkirche konnten zwar nicht den Beginn des Mauerbaus ergründen, belegen aber eine größere Erneuerung und Modernisierung der Ortsbefestigung im 15. Jh.

  • Der Turm an der Bahnhofstraße wurde 1473 oder wenig später errichtet.
  • Beim Uffhubtor kann von einer Erbauung des oberen Torteils und damit einer Erneuerung des schon 1401 erstmals erwähnten Tors zur Mitte bzw. in der zweiten Hälfte des 15. Jhs. ausgegangen werden.
  • Am Ohrenbrücker Tor, an Teilen der Befestigung der Burgkirche und am Rundturm an der Burgunderstraße passen Bauform bzw. Veränderung von Schießscharten ebenfalls in diese Zeitstellung.

Diese ‚Modernisierung' der Ortsbefestigung vor Ober-Ingelheim um die Mitte bzw. in der zweiten Hälfte des 15. Jhs. kann als Antwort auf die sich gravierend verändernde Waffentechnik dieser Zeit angesehen werden. Gerade die Verbreitung von Handfeuerwaffen wie der Hakenbüchse machte neue Schartenformen, wie die der Schlüsselscharte bzw. Kreuzschlüsselscharte erforderlich.

Mit dem Bau von Türmen, die mit steinernen Dächern vor Brand geschützt waren, wurde die Mauer zusätzlich bewehrt. Die Schützen konnten nun den Graben und die Mauern durch die vorgestellten Türme bestreichen. Typisch für diese Epoche ist die auch in Ober-Ingelheim anzutreffende Vielfalt von Schartenformen, die zum einen den Gebrauch der neuen Handfeuerwaffen neben der üblichen Armbrust zuließen und zum anderen ein Herantasten an geeignete Formen für diese neue Waffengattung darstellt.

Auch die noch nicht genauer untersuchten Rundtürme in Ober-Ingelheim datieren vermutlich in die zweite Hälfte des 15. Jhs. Weitere Hinweise auf Entstehung und Veränderung der Ober-Ingelheimer Befestigung könnte vermutlich eine Archivrecherche liefern.

Aufgrund der oben erwähnten, bauhistorisch genauer untersuchten Elemente der Ortsbefestigung kann man aber schon jetzt auf ein regelrechtes Bau-Programm in der Spätgotik schließen, das einer allgemeinen Tendenz zur repräsentativen Aufwertung und wehrtechnischen Anpassung der Wehrmauern und der Tore entspricht.

Nur wenig später brachte der fortschreitende Wandel in der Waffentechnik die Abkehr von der spätmittelalterlichen Ausbildung einer Befestigung mit schlanken und oft hohen Türmen hin zu niedrigen und starken Bollwerken, die auch Geschützen standhalten konnten.

Der Ausbau der Ober-Ingelheimer Befestigung steht damit am Ende der Entwicklung des mittelalterlichen Mauerbaus und stellt gleichzeitig ihren letzten, auch auf Repräsentanz ausgebildeten Höhepunkt dar. Die Erneuerung der Burgkirche und die Anpassung der Ortsbefestigung an die neuen Feuerwaffen waren für Ober-Ingelheim im 15. Jh. gleich zwei bedeutende und große Bauaufgaben, die dem Ort noch heute sein unverwechselbares Bild verleihen. 

Ingelheim um 1800, bearbeitet von Klaus Peter Wörns


Der Ortsplan von etwa 1800 lässt noch gut den spätmittelalterlichen Mauerring und die dünne Bebauung entlang weniger Straßen bzw. Wege erkennen.

Das Bild ist nicht genordet, sondern oben ist Ost-Südost (s. Kreuz oben links).

Am oberen Bildrand sieht man die Kirchen der drei Konfessionen, die reformierte Burgkirche (Nr. 1) mit ihrer zusätzlichen Ummauerung, darunter die katholische Kirche St. Michael (Nr. 3) und die später abgerissene lutherische Kirche (Nr. 2), beide am Neuweg, der um 1800 noch nicht die Wehrmauer durchbrach. Dazu kam es erst, als die durchgehende Grundstraße 1830 gebaut wurde. Nach dem Bahnhofsbau wurde 1876 die Bahnhofstraße angelegt, wofür gleichfalls die Wehrmauer an dieser Stelle abgerissen werden musste.

Wahrscheinlich ist an der Selz anstelle einer Wehrmauer ein Gebück (ein undurchdringlicher Wall von verflochtenen Hainbuchen) angelegt worden.

 

 

 

 


Das Stiegelgässer Tor im Süden aus Richtung Großwinternheim

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Uffhubtor mit Blick nach Westen zur Selz und dem Westerberg

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Steinkegelturm an der Burgunderstraße mit Blick hinauf zum Elektrizitätswerk

 

 

 

 

 

 

 

Steinkegelturm an der Bahnhofstraße, etwas zurückgesetzt hinter dem ehemaligen kaiserlichen Postamt

 

Das Hammergässer Tor und das Altengässer Tor auf der Westseite in Richtung Gau-Algesheim sind schon lange abgerissen (letzteres auf dem Plan an zwei Stellen eingezeichnet).

(Weiter Henn:)
Der Ringmauer war ein Graben als Annäherungshindernis vorgelegt, der zwischen Burgkirche und Rinderbachtor noch gut zu beobachten ist.

Auf dieser Strecke ist auch die Mauer selbst noch so gut erhalten, daß ein zureichender Eindruck des ehemaligen Bildes vermittelt wird:

Wehrmauer mit Vorturm und Graben am "Seufzerpfad"


Innerhalb des mauerumzogenen Raumes gab es im Verlauf des Mittelalters sehr viele Freiflächen, die als Gärten, Weinberge und Weiden genutzt wurden. Keinesfalls hätte die Einwohnerschaft von Ober-Ingelheim den Ring ihrer Wehrmauern im massiven Ernstfall zu wirksamer Verteidigung (zahlenmäßig ausreichend; Gs) besetzen können.

Deshalb wohl entstand mit den Wehranlagen um die Burgkirche, die vom Dorf selbst außer durch zinnenbekrönte Mauern auch durch einen Graben getrennt war, ein fliehburgartiges Refugium, wie es vor allem aus Siebenbürgen in Rumänien geläufig, aber auch aus dem gesamtsüdwestdeutschen Raum nicht unbekannt ist.

Die Lageskizze oben zeigt die 1934 noch vorhandenen bzw. erschlossenen Wehrmauern um die Burgkirche herum.

Rauch hat die zweite äußere Zwingermauer, vor der ein Teil oben rechts noch vorhanden ist (s. Foto unten), um die gesamte östliche Wehrmauer zum Mainzer Berg hin herumgezogen, außerdem (gesichert) eine Fortsetzung der gebogenen nördlichen Mauer durch den Friedhof hindurch bis zur südlichen (hellen) Mauer. Auch die beiden Türme - der große "Malakoffturm" rechts (Richtung Süden) und der kleinere in der nordöstlichen Spitze der Wehrmauer (beide jetzt begehbar) - sind gut zu erkennen. Von ihnen zweigt erst die eigentliche Wehrmauer ab, die den ganzen Ort umschloss (siehe Karte oben; abgesehen wahrscheinlich vom Selzufer). Im Westen erinnert der Name der "Grabengasse" an den ehemals dort herumgezogenen Wehrgraben, der auch zum Mainzer Berg hin vorhanden war, heute aber im Bereich der Burgkirche völlig zugeschüttet ist (Festplatz).

Der freie Bereich beim Brunnen diente im 19. und noch im 20. Jahrhundert als Gemeindebleiche. Im Mittelalter war dieser doppelt gesicherte Bereich wahrscheinlich mit Häusern eng bebaut.

Es folgen vier Fotos, die Wehrmauern rings um die Burgkirche zeigen.

1. ein Blick auf Wehrmauer und Burgkirche vom Mainzer Berg her, über den Festplatz (den zugeschütteten Graben) hinweg

2. ein Blick auf die südliche Doppelmauer, deren Vorplatz seit dem 20. Jahrhundert als Bühne für Freilichtaufführungen genutzt wird


3. ein Blick durch das Mauertor von der Ortsseite her, das man durchschreiten muss, wenn man von Rathaus die frühere "Kirchgasse" und heutige Straße "An der Burgkirche" zur Kirche hin läuft. Man sieht durch das Tor das Kriegerdenkmal für die Ober-Ingelheimer Gefallenen des Ersten Weltkrieges und die Kirche selbst dahinter;

4. und ein Blick auf den mächtigen Malakoffturm, den Hauptwachturm der Wehranlage mit einem Verlies im Keller, über dessen Nutzung aber nichts bekannt ist.

 

Markantester Teil der Burgkirchenanlage als Refugium ist der Malakoffturm. Dieser Name ist nicht ursprünglich. Im Krimkrieg (1854 -1856) kam es zur spektakulären Erstürmung des Forts Malakoff, wodurch die Einnahme der Festung Sewastopol möglich wurde. Nicht nur in Ingelheim, auch beispielsweise im Festungsbereich von Mainz ging damals auf herausragende Gebäude durch Übertragung der Name Malakoff über; denn der Krimkrieg war in Mittel- und Westeuropa als Sensation und Abenteuer intensiv mit- und nacherlebt worden." (Henn S. 13 ff.)

Weitere Wehrmauerreste und Wehrtürme in Ober-Ingelheim:

 

Von oben nach unten:

1. Wehrmauerrest Burgunderstraße mit Turm (bewohnt)

2. Wehrmauerrest am unteren Zwerchweg, in ein Haus integriert

3. Steinkegelturm auf dem unteren Zwerchweg ("die Schnecke"), in die Häuserflucht eingebaut - Herkunft des Namens unbekannt -  Der wuchtige Bau aus dem Ende des 14. Jahrhunderts stand noch um 1900 unverputzt, so dass sich die interessante Technik der trulliartigen Steinsetzungen von Unterbau und Spitzkegeldach hier besonders gut erkennen ließ. (Texttafel 13 zur "Schnecke").

 

Zurück zum Seitenanfang

Gs, erstmals: 11.03.06; Stand: 06.01.20