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Ingelheim in der Zeit der Karolinger (8. und 9. Jh.) und die "Kaiserpfalz"


Autoren: Margarethe Köhler und Hartmut Geißler

Von den Merowingern zu den Karolingern

Die „Hausmeier“

Für die Bewohner des Ingelheimer Fiscus, d. h. des weiten Ingelheimer Königsgutes, war der Wechsel der Königsherrschaft von den Merowingern zu den Karolingern im 8. Jahrhundert wahrscheinlich kein spürbares Ereignis; vielleicht hatte man mitbekommen, dass die Autorität der zerstrittenen Merowinger-Familie seit dem 7. Jahrhundert geringer wurde und dass eine immer mächtiger werdende Hausmeier-Familie, die der "Arnulfinger", "Pippiniden" oder "Karolinger", sie im ganzen Frankenreich allmählich verdrängte.

Hausmeier ist die deutsche Version des lateinischen Major Domus (d.h. Oberer des [königlichen] Hauses). Es ist die Bezeichnung für den obersten Amtsträger der merowingischen Könige des 7. und 8. Jahrhunderts, der zuständig war für den königlichen Haushalt, die Reichsverwaltung, Rechtsprechung, Staatsfinanzen, das Heer und für seine Güter, damit auch für den Ingelheimer Königshof mit seinem umfangreichen Landbesitz. Sie regierten auch vom "Palatium" des eigentlichen Königs aus, also von seinem Herrschaftssitz aus.

Durch geschickte Diplomatie sicherten sich Karlmann und Pippin die Unterstützung der römischen Kirche (vgl. hierzu auch Merowingerzeit, letzter Abschnitt „Frühe Kirchen und ein Königshof in Ingelheim“). Im Jahre 751 setzte schließlich Pippin, ein Sohn Karl Martells, den letzten Merowingerkönig Childerich III. ab, schickte ihn ins Kloster, ließ sich vom fränkischen Hochadel zum König der Franken ausrufen. Papst Stephan II., der im Spätherbst 753 nach in St. Denis gekommen war, um sich die Hilfe der Franken gegen die Langobarden in Italien zu sichern, blieb damals einige Monate im Frankenreich.

Am 28. Juli 754 salbte (oder weihte; umstritten) er als Gegenleistung Pippin als fränkischen König, ebenso wie seine Frau Bertrada und seine beiden Söhne Karl (der spätere Große, damals 6 oder 7 Jahre alt) und Karlmann. Dies war das erste Mal, dass ein abendländischer König seine und seiner Söhne Legitimation durch eine religiöse Zeremonie (im Namen der Dreieinigkeit) bekräftigen ließ.

Der Papst verlieh ihm und seinen Söhnen Karl und Karlmann dabei den byzantinischen Titel "Patrikios" des früheren byzantinischen Statthalters in Ravenna und des Statthalters in Sizilien, nun in der Form "Patricius Romanorum", was als "Schutzherr der Römer" verstanden wurde. Mit "Römern" war aber mehr gemeint als nur die Bewohner der Stadt Rom, nämlich die Bewohner des römischen Reiches.

Im Gegenzug sicherte sich der Papst dadurch die Unterstützung der Franken gegen die Langobarden in Italien. So begann mit Pippin eine lange Periode der - oft konfliktreichen - Zusammenarbeit von fränkischen (später deutschen) Königen und römischen Päpsten, die unter seinem Sohn Karl dazu führte, dass dieser schließlich am Weihnachtstage 800 in Rom die alten Kaisertitel "Imperator" und "Augustus" zusätzlich zum fränkischen und langobardischen Königstitel annahm. Außerdem gehörte zu seiner Kaisertitulatur noch die Aussage: "Romanum gubernans imperium", also: "das Römische Reich regierend". Damit war der Anspruch auf eine Fortsetzung des "Römischen Imperiums" im Westen verbunden, auf gleicher Ranghöhe mit dem byzantinischen Kaiser (bzw. Kaiserin Irene) in Konstantinopel, weshalb es darüber auch diplomatische und kriegerische Verwicklungen gab.

Auch dieser Pippin hat sich vielleicht schon einmal auf dem Ingelheimer Königshof aufgehalten, denn er soll hier nach der Biografie des Mainzer Bischofs Lul, cap. 8, im Jahre 755 den damaligen Abt Lul von Hersfeld empfangen haben ("in curte regia Inghilenheim" - "im Königshof Ingelheim"). Classen, Ingelheim, S. 91, bezweifelte allerdings diesen Aufenthalt Pippins in Ingelheim. Jedenfalls hatte das Kloster Hersfeld lange Zeit Besitz in Ober-Ingelheim.

Karl der Große und Ingelheim

Der Bau eines imperialen Palastes

"Keine schriftliche Quelle berichtet uns von dem Ingelheim der Römer- und der Merowingerzeit. Nur den Scherben und Steinen, den Forschungen der Archäologen verdanken wir unsere Kenntnisse. Um die Mitte des 8. Jahrhunderts ändert sich das ganz plötzlich: Von nun an gibt es für drei Jahrhunderte kaum eine Chronik, einen Annalisten, der nicht etwas über Ereignisse in Ingelheim zu erzählen weiß. Zahlreiche Urkunden nennen den Namen des Ortes. Diese Wende verdankt Ingelheim der Königspfalz, die die Karolinger dort einrichteten." (Peter Classen, S. 87)

Denn der König und spätere Kaiser Karl (Regierungszeit 768 – 814) wurde für Ingelheim dadurch bedeutsam, dass er (oder seine Berater) den Befehl gab, "neben" (Einhard: "iuxta") dem bisherigen Ingelheimer Königshof bei der Remigiuskirche eine prächtige Palastanlage ("palatium" - "Pfalz") zu bauen, Regierungsgebäude nach römisch-byzantinischen Vorbildern.

Damit begann ein jahrhundertlanges Neben- und Miteinander von Villa (Königshof) bei der Remigiuskirche und Palatium (Pfalzanlage), dem späteren Saalgebiet. Als man jedoch wegen der Nichtbenutzung der Ingelheimer Palastanlage für politische Großereignisse seit der Mitte des 11. Jahrhunderts dieses Nebeneinander nicht mehr wahrnahm, verengte sich die Vorstellung von der Ingelheimer Pfalz auf die zur Burg gewordenen ehemaligen Regierungsgebäude, aus denen auch das Modell der sog. "Kaiserpfalz" im Museum entstand. Erst als bei Forschungen in der und um die Remigiuskirche unter Holger Grewe (2010-2019) die hohe Bedeutung dieser Kirche im Frühmittelalter erkannt wurde, wuchs auch wieder die Einsicht in das Nebeneinander der beiden Örtlichkeiten.

Binding ordnete die Ingelheimer Pfalz (im weiteren Sinn) in seiner Zusammenstellung deutscher Königspfalzen von 1996 ihrer Bedeutung nach an zweiter Stelle hinter Aachen ein. Clemen (1890) stellte eine Reihe möglicher Vorbilder für das Palatium zusammen. Während man sich heute einig zu sein scheint, dass die Palastanlage in Aachen vom konstantinischen Palast in Rom und von der Grabeskirche in Jerusalem inspiriert wurde, ist ein direktes Vorbild für die Ingelheimer Palastanlage noch nicht gefunden worden.

Wichtig:

Zur Unterscheidung von Königshof mit Königsland ("Pfalz" im weiteren Sinne) und Palast ("Pfalz" im engeren Sinne)

Zur Begriffsgeschichte palatium - Palast - Pfalz


Für welche konkreten Funktionen die Ingelheimer Palastbauten im Einzelnen gedacht waren bzw. benutzt wurden, lässt sich bisher aus den archäologischen Befunden nicht ersehen, abgesehen natürlich von der Königshalle.

Bischof Hinkmar von Reims, der den idealtypischen Ablauf von Reichsversammlungen seiner Zeit (9. Jh.) als Zeitzeuge im Kapitel VII beschreibt, kann uns jedoch Hinweise zu ihrem Raumbedarf geben. Die getrennt bisweilen voneinander tagenden Personengruppen der geistlichen und weltlichen Adligen brauchten für ihre Klausurberatungen natürlich verschieden große Räume, hier z. B. im zweistöckigen Halbkreisbau mit seiner reichlichen Trinkwasserversorgung, die Regierungsmitglieder mit ihrem Hilfspersonal und der König selbst brauchten Amtsräume, hier z. B. den Nordflügel, und für die Vollversammlung am Ende konnte man die große Königshalle benutzen, die Aula regia. Und daneben benötigten die mitgekommenen Heeresteile viel Platz für ihre Zelte, Transportwagen  und Tiere.

Als Ort für die neuen Bauten wurde deshalb eine weitgehend freie Fläche östlich des alten Königshofes gewählt, zwischen den beiden Straßen nach Mainz, wo schon die Besucher des Königshofes ihre Zelte aufgestellt haben dürften. Dort muss es auch schon einen großen Versammlungsplatz gegeben haben, denn Großversammlungen fanden bei gutem Wetter auch im Freien statt (Hinkmar VII). Dass dies unter Karl dem Großen üblich war, zeigt eine Bemerkung der Annales regni Francorum zum Jahr 767: "synodum fecit cum omnibus Francis solito more in campo" - er hielt eine Versammlung mit allen Franken (= fränkischen Vasallen) ab, und zwar in gewohnter Weise auf freiem Feld.

Der neue Ingelheimer Palast war deshalb wahrscheinlich keine Übernachtungsstation für den umherreisen König, sondern diente als repräsentatives "Regierungsviertel" für die Treffen mit den Großen des Reiches und mit auswärtigen Gesandtschaften. So wurde er von Karls Sohn Ludwig immer wieder verwendet (s. u.) und nach einer Renovierung auch von den Ottonen und ihren salischen Nachfolgern, bis zur letzten Großveranstaltung, der Hochzeitsfeier von Heinrich III. 1043. Allerdings haben uns die Archäologen noch kein klares Bild davon vermitteln können, was aus dem Palatium der Karolinger ein, zwei Jahrhunderte später geworden war. Als gewiss heizbare Unterkünfte für kleinere Gruppen dürften die weiterhin bestehenden Gebäude des Königshofes bei der Remigiuskirche gedient haben, über dessen genaue Lage und Ausstattung bisher noch nichts bekannt ist.

Wenn im Capitulare de disciplina palatii Aquisgranensis (um 800?) deutlich zwischen dem "Palatium" und den darum gruppierten Häusern ("Mansiones") der am Hof Beschäftigten unterschieden wird, muss man wohl davon ausgehen, dass es auch in Ingelheim im Umfeld des neuen Palastes weitere Häuser gab, die zum Übernachten dienten.

Ein längerer Winteraufenthalt nur in Zelten war jedenfalls alles andere als komfortabel, wie man sich leicht vorstellen kann, und wurde z. B. von Karls Sohn Ludwig im Jahre 830 benutzt, um seinen bisherigen Erzkapellan Hilduin wegen dessen Beteiligung an einem Aufstand gegen ihn zu bestrafen; er sollte "mit ganz wenigen Leuten den Winter in einem Zeltlager in der Nähe von Paderborn verbringen" (Astronomus c. 45).

Der Ingelheimer Palast (Modell siehe unten) besaß eine große Mehrzweckhalle in der Form einer antiken Basilika (Königshalle, nicht Kirche!), heute "Aula regia" genannt; Innenmaße: ca. 40,5 m lang und 16,5 m breit, Traufhöhe (rekonstruktiv ermittelt) ca.13,5 m hoch. Der Kunsthistoriker Paul Clemen nennt das Ingelheimer Großgebäude mit Apsis 1890 stets "Basilika", einmal auch "Festsaal", benutzt für Bankette, aber noch nicht "Aula regia". Auch Christian Rauch nannte diese Königshalle noch 1935 "Basilika", obwohl natürlich beiden bewusst war, dass die meisten Leser unter einer Basilika ein kirchliches Gebäude verstehen. Man wird wohl auch in Zukunft mit unterschiedlich verwendeten Begriffen umgehen müssen.

Hinzu kamen ein großer, zweistöckiger Halbkreisbau mit Torhalle in der Mitte, einem innen vorgelagerten Säulengang und sechs Türmen außen, sowie ein langer Nordflügel zum Rhein hin, ebenfalls mit einem Säulengang nach innen und einer größeren Querhalle, durch die das Quellwasser ebenso floss wie durch die Türme des Halbkreisbaues. Zur näheren Beschreibung siehe Modell!

Links unten im Vordergrund der große Halbkreisbau mit einem Torbau in der Mitte und sechs davor gebauten Türmen, rechts daran anschließend der gerade Nordbau und dahinter die Königshalle (Basilika), die Aula regia; Foto: Gs

Eine ca. 7 km lange unterirdische Wasserleitung in römischer Bauweise lieferte nämlich frisches, fließendes Quellwasser in den Palast, zusätzlich zu dem ohnehin reichlichen Aufkommen von Quellwasser und Brunnenwasser im Bereich des neuen Palastes - ein großer Luxus! Wurde das Wasser im Halbkreisbau für die Klausurtagungen der Adligen gebraucht? Da diese Wasserleitung, die sich ja mit einem ganz bestimmten Gefälle dem Geländeverlauf anpassen musste, schon von Anfang an eingeplant werden musste, dann hat ihr geologisch ziemlich festliegender Verlauf mit darüber entschieden, an welcher Stelle des Hanges zum Rhein hin (in der Nord-Süd-Dimension) der neue Palast gebaut werden konnte bzw. musste.

Über den Beginn des Baues gibt es nach wie vor weit voneinander abweichende Vermutungen, denn Einhard hat uns das nicht mitgeteilt. Sie reichen von 774 bis in Karls letzte Regierungsjahre.

Wann er fertig gestellt wurde, ist ebenso unklar; fest steht nur, dass Einhard eindeutig schrieb, dass Karl den Palast zu bauen "begonnen" habe. Für die gleichfalls von ihm begonnene Pfalz Nijmegen/Nimwegen ist unter Karl keine einzige Reichsversammlung feststellbar gegenüber fünf unter Ludwig, sodass man daraus schließen kann, dass der Bau auch dieses Palatiums unter Karl wirklich nur begonnen wurde.

Die Funktionen von Königsland, Königshöfen und Pfalzen

Im Früh- und Hochmittelalter spielten Königshöfe (villa oder curtis regia) eine unersetzliche Rolle für den oftmals im Reich herumreitenden König mit seinem zahlreichen Gefolge. Von diesen einfacheren Königshöfen allerdings muss man die "Pfalzen" im engeren Sinne unterscheiden, die zu mehr als nur zu Übernachtungen dienten. Sie waren mit ihrem Umfeld des Königsgutes unerlässlich zum "Regieren" und als Versammlungsorte für Adel und Militär. Auf ihnen mussten bei Reichsversammlungen, Hoftagen oder Festen oft Hunderte, sogar Tausende von Gästen mit ihren Tieren (Ochsen, Maultiere, Pferde), Transportwagen und Zelten untergebracht werden.

Brühl (S. 71) geht von einem möglichen Gefolge allein des Königs von (bisweilen) 1000 Personen aus. Zur Dauer von solchen Reichsversammlungen stellte Seyfarth (S. 114 ff) die verfügbaren Daten zusammen. Danach konnten sie je nach Erfordernis und Möglichkeit von einem Tag bis (ausnahmsweise) zu fünf Wochen dauern, meistens wohl 2-3 Wochen.

Insgesamt hat Konrad Plath 1892 ca. 150 merowingische und karolingische Königshöfe geschätzt, von denen aber bisher die wenigstens archäologisch gefunden und untersucht werden konnten.

Für Reichsversammlungen unter Ludwig dem Frommen führt Eichler (Reichsversammlungen, Anhang Tabelle 2) 19 Pfalzen/Paläste auf:

- Aachen
- Compiègne
- Quierzy
- Attigny
- Diedenhofen/Thionville
- Nimwegen
- Ingelheim
- Worms
- Frankfurt
- Tramoyes
- Chalons
- Orléans
- Paderborn
- Augsburg -
- Vannes
- Mainz
- Tours
- Langres
- Jouac

Fried, S. 386 f., beschreibt den umherreisenden "Hof" so:

"Der Hof befand sich eben dort, wo der Herrscher weilte. Mit der Zeit lassen sich aus bestimmten Anlässen bevorzugt aufgesuchte Pfalzen erkennen, Winterpfalzen, Jagdpfalzen, Festtagspfalzen. «Pfalz», Palatium publicum konnte alles zugleich bezeichnen: die Versammlung der Großen, den Hoftag, das gesamte Ensemble der Pfalzbauten und deren Einrichtungen, die in der Lage waren, den König und seine engere Familie mit ihrem Gefolge - Männer, Frauen und Kinder, Vasallen, Dienstpersonal, Knechte und Mägde - für einige Wochen zu versorgen, Werkstätten, Lagerbauer und Scheunen, Ställe für Pferde, Kühe, Schweine und Zugochsen eingeschlossen. Die unterentwickelte Infrastruktur des Landes und die daraus resultierenden Versorgungsschwierigkeiten verboten eine feste Residenz. Nur Ansätze dazu lassen sich erkennen.

Worms oder Ingelheim, günstig am Rhein gelegen, wurden wiederholt aufgesucht; doch zuletzt ragte Aachen heraus.

Eine «Pfalz» - domus, palatium, aula, curia regis - war damit räumlich, personal, institutionell und kommunikativ zu verstehen; und sie machte - gleichsam paränetisch - die Herrscherdoktrin öffentlich. Sie war alles in einem: ein Ort, bald hier, bald da zu finden, eine Personengruppe mit dem König im Zentrum, die feste Herrschaftsmitte, ein Hort kirchlichen und kulturellen Wissens, eine Begegnungsstätte und Kommunikationsgemeinschaft, ein Mittelpunkt auch der wiedererstehenden Wissenskultur und Religionspraxis.

Eine feste Hofgesellschaft gab es, von der engeren Königsfamilie und den erwähnten Funktionären abgesehen, nicht. Hunderte von Personen, bis ein- oder zweitausend Menschen versammelte der Hof: Männer, Frauen, auch kleine Kinder, Berater, Besucher, Herbeigerufene, Fremde, die Verwandten des Königs, die Ehefrau, Zofen, Söhne, Töchter, Ammen, Diener und Knechte und Köche, der ganze Troß. Zahlreiche Bewaffnete begleiteten den Hof, wohin immer er zog. Das alles wälzte sich von Zeit zu Zeit mit dem König durch die Lande, von Pfalz zu Pfalz. Von daher versteht sich, daß «Palatium» in erster Linie die Gesamtheit der Personen am Königshof meinte und nicht bloß die Baulichkeiten der Pfalz. Und dennoch: Solches Reisen, notwendig wie es im personalen Herrschaftssystem zunächst war, wurde lästig mit der Zeit. Die Fahrten durch das Reich wurden vom Hof aus geregelt. Man wußte an den zentralen Pfalzen - etwa in Worms, Ingelheim oder Aachen - wo sich der König gerade aufhielt. Der Reiseweg mußte rechtzeitig festgelegt werden, um die Masse an Pferden, Zugochsen und Menschen aufnehmen und verköstigen zu können, die mit dem König durch die Lande zogen. Als Alkuin im Jahr 797 wissen wollte, wann der König aus Sachsen zurückkehre und in welcher Pfalz er den Winter verbringen werde, wandte er sich an die Königin Liutgard. Die Königin war ja, dem «Capitulare de Villis» folgend, für weite Bereiche der wirtschaftlichen Versorgung des Königshofes zuständig. Seneschall, Mundschenk und Stallgrafen hatten sonst die Fahrten des Königs durch das Reich zu organisieren und Vorsorge dafür zu treffen, daß überall ausreichende Vorräte an Getreide, Fleisch und Futter für Pferde und Ochsen zur Verfügung standen. Wein mußte mitunter von weither herbeigeschafft werden, wenn der König sein Kommen angesagt hatte. Ganze Dörfer waren für die Transportdienste zuständig. Für die Unterkunft des Gefolges mußten oft genug Zelte herhalten. Welch ein Triumph an Organisation, Kontrolle und Anziehungskraft des Herrschers.

Die über das Reich gestreuten Königshöfe unterschieden sich nach Größe und Ausstattung, wohl auch nach ihrer Funktion, ob Festpfalz oder Jagdpfalz, ob nur für Durchreise eingerichtet oder für längere Dauer."

Rosamond McKitterick (2008, S.190) ist jedoch skeptisch, ob wirklich der gesamte Hof ständig mit dem König herumzog, und nimmt stattdessen an, dass normalerweise nur ein relativ kleiner Personenkreis den reisenden König begleitete.

Man versucht aus Chroniken, aber auch aus den Orts- und Zeitangaben von Urkunden die Reiserouten der Könige teilweise zu erschließen, ihr "Itinerar" mit den Königshöfen bzw. Pfalzen, in denen sie Halt machten, "Hof" hielten und amtierten, auch wenn man beachten muss, dass nicht alle Urkunden tatsächlich in Anwesenheit des betr. Königs ausgegeben wurden (McKitterick, 173 ff.). Das war wohl auch in Ingelheim bisweilen so.

Der Ingelheimer Palast zählt neben Paderborn und Aachen mittlerweile zu den am besten erforschten. Da ein solcher Palast ohne die umfangreichen Ressourcen eines oder mehrerer Königsländereien nicht benutzbar gewesen wäre, darf man den Palast niemals isoliert betrachten, sondern immer im Versorgungszusammenhang mit seinem Königshof (Brühl, Fodrum).

Dass sich Bevorzugungen einzelner Pfalzen herausbildeten, vor allem für Winteraufenthalte, ist nur natürlich; für Karl war es neben Worms (in den 780er Jahren) vor allem Aachen (ab den 790er Jahren) und das belgische Herstal an der Maas, nördlich von Liège (siehe: Itinerar Karls des Großen). Etwa ab 794 wurde Aachen zu einer Dauerresidenz, in der Karl erstmals 788 Weihnachten verbrachte, (nach dem ersten Halbjahr in Ingelheim), dann 789 und 790 in Worms, 791 und 792 in Regensburg und 793 in Würzburg. Danach (nach dem Tod Fastradas 794) wurde die Pfalz in Aachen zu seiner regelmäßigen Weihnachtspfalz und überhaupt zur Residenz ausgebaut, eine Funktion, die diese Pfalz auch unter seinem Sohn Ludwig behielt. In Aachen wurde Karl († 28. Januar 814) auch bestattet.

In Ingelheim lässt sich Karl - entgegen der weit verbreiteten Meinung, es sei seine "Lieblingspfalz" gewesen - nur selten nachweisen. Details zu den damit zusammenhängenden schwierigen Fragen siehe hier! Seine Aufenthalte in Igelheim:

774 war Karl nur kurz hier, um vier "Scharen" gegen die Sachsen in Marsch zu setzen, Ingelheim diente also als Truppensammelplatz; zu diesem frühen Zeitpunkt gab es den Palast sicherlich noch nicht.

787/88 war er an Weihnachten, Ostern und im Sommer hier; im Juni fand hier der Tassilo-Prozess statt; sonstige Aktivitäten jener Zeit (bis auf die Ausfertigung einer Urkunde für das italienische Kloster Farfa am 28. März in "Inghilinhaim villa nostra") sind nicht bekannt; die Benutzbarkeit zumindest einiger neuer Palastbauten wird für diesen Prozess zwar meistens angenommen, es heißt aber in den Annales regni Francorum: "Et celebravit natalem Domini in villa, quae dicitur Ingilenhaim, similiter et pascha." - Und er feierte Weihnachten in einem Königshof, der Ingelheim genannt wird, und ähnlich auch Ostern.

Wenn er 787/788 das Weihnachts- und Osterfest hier (und nicht z.B. in St. Alban bei Mainz) feierte, dann brauchte er dazu eine große Kirche. Und das kann nur die Remigiuskirche gewesen sein, denn die Saalkirche wurde erst später gebaut, und die Trikonchienkapelle war viel zu klein dafür.

Wahrscheinlich traf sich Karl 791 hier mit seinem 13jährigen Sohn Ludwig, der ihm das aquitanische Truppenkontingent für den Awarenkrieg brachte, in einem "Engelheim", womit wahrscheinlich Ingelheim gemeint war.

im Jahre 807 war es aber mit ziemlicher Sicherheit der gleichnamiger Sohn Karl († 812), nicht sein "großer" Vater, der hier "seine" Versammlung von Bischöfen, Grafen und anderen Vasallen abhielt. Dies wird ausschließlich in einer späten Handschrift, der Chronik von Moissa cberichtet; eine Bestätigungs-Urkunde Karls für einen Würzburger Besitztausch, der in Ingelheim verhandelt wurde ("actum Inghilenhaim palatio nostro"), wird mit dieser Versammlung in Verbindung gebracht; sie muss aber nicht vom Vater selbst ausgegeben worden sein. Auch dazu mehr hier.

Karl hat also das mit großem Aufwand begonnene Ingelheimer Palatium, wenn überhaupt, dann recht wenig genutzt bzw. noch gar nicht nutzen können.

Welche Gründe gab es für die Hinwendung nach Aachen außer den Thermalquellen dort? Wir wissen es nicht. Rauch diskutiert das ausführlich in BIG 11. Stefan Weinfurter fügte in seinem Festvortrag zur Eröffnung der beiden Ingelheimer Pfalzausstellungen am 07.09.2014 lächelnd eine weitere These hinzu: Der Palast sei zwar im Jahr 787/88 schon soweit fertig gewesen, dass er benutzbar war, etwa zum Prozess gegen Tassilo. Karl habe sich aber von ihm ebenso wie vom bis dahin vielfach besuchten Worms abgewandt, nachdem seine Frau Fastrada, die in unserer Region beheimatet war und in St. Alban bei Mainz bestattet wurde, im Jahre 794 gestorben war. Fastrada als tieferer Grund für den Baubeginn des Ingelheimer Palastes und ihr Tod als Grund seiner Nichtbenutzung?

Andere Historiker, die sich mit dem Itinerar Karl befasst haben, denken eher an die Kriegszüge Karls, die ihn in verschiedenen Epochen seines Lebens verschiedene Pfalzen als Schwerpunkte haben wählen lassen.

Warum wurde der neue Palast in Ingelheim gebaut?

Über die Tatsache seiner häufigen Benutzung im (Früh-) Mittellater hat sich schon Sebastian Münster am Ende seines Artikels über seinen Geburtsort Ingelheim in der Cosmographie in der Mitte des 16. Jahrhunderts gewundert (Cosm., Ausg. 1545, S. 418: "in disem sal so viel zu hausieren"). Als Erklärung führt er die schöne Lage zwischen Mainz und Bingen an, dem Rheingau gegenüber, sowie die Jagdmöglichkeiten als Ursachen der mittelalterlichen Beliebtheit Ingelheims. Gejagt hat aber Karls Sohn Ludwig in der Rhön, in den Ardennen und im Elsass, nicht in Ingelheim

 

Münster konnte sich die wirtschaftlichen Zwänge des längst vergangenen Reisekönigtums (günstige Reisewege, gute Versorgung) nicht mehr vorstellen, wusste anscheinend nichts mehr von einem Königshof bei der Remigiuskirche und hatte keine richtige Vorstellung vom Aussehen des karolingischen Palastes mehr. Er kannte nur noch die burgähnliche Befestigung des Ingelheimer "Saals" mit einigen alten und späteren Gebäuderesten an seiner Westseite.

Eigentlich war die Stelle, an der die neuen Palastgebäude errichtet wurden, ein schwieriger Bauplatz auf einem Abhang, der zuerst einmal umfangreiche Erdarbeiten zum Niveauausgleich nötig machte (Aufschüttungen im Norden bis zu drei Metern!), um auf dem planierten Platz überhaupt einen Halbkreisbau errichten zu können. Denn dieser Bau mit einem Durchmesser von fast 90 Metern erforderte natürlich einen waagerechten Untergrund. Es müssen also schon gewichtige Gründe gewesen sein, die Karl (oder seine Berater) auf diesem zweifellos schönen Bauplatz haben bestehen lassen. Zur Wahl dieser Stelle könnte durchaus die schöne Lage mit Blick auf Rhein und Rheingau beigetragen haben.

Vor allem war es gewiss die verkehrsgünstige Nähe zu Rhein und Main, denn das damalige Reisen war sehr beschwerlich. Wenn man den Wasserweg benutzen konnte, dann hat man diesen - aber nur stromabwärts - dem mühsamen Reiten auf schlechten Wegen vorgezogen. Auf dem Rhein konnte Karl z. B. in nur einem Tag die 80 Kilometer von Ingelheim bis Koblenz rheinabwärts mit dem Schiff bewältigen, wie in den Wundern des Hl. Goar berichtet wird. Und da der Rhein von Mainz nach Bingen in west-südwestlicher Richtung fließet, lag die Ingelheimer Pfalz (im weiteren Sinne) zwischen Mainz und Bingen an zwei europäischen Fernstraßen, einer von Osten nach Westen und einer von Süden nach Norden.

Eichler (Reichsversammlungen, S. 63) stellt für Ludwig den Frommen fest: "Unter versorgungstechnischen Erwägungen mußten sich die verkehrsgünstig an der Rhein-Main-Schiene gelegenen Pfalzen als Versammlungsorte (für Reichsversammlungen) geradezu anbieten.

Das damals unbebaute Umfeld der Ingelheimer Pfalz bot außerdem Platz für viele Zelte oder provisorische Holzhäuser und entsprach so den Bedürfnissen seiner zahlreichen Gäste mit ihren Pferden, Ochsen, Maultieren und Wagen.

Noch mehr Platz war sicher nötig, wenn sich das kriegspflichtige Heer hier versammelte; Weinfurter (S. 81) nennt Zahlen von einigen Zehntausenden. Ihr Lagerplatz könnte z. B. der „Heerstall“ (Flurname "Im Herstel") nordöstlich des Palastes gewesen sein. Orte dieses Namens gibt es noch mehr: Herstal in Belgien und Herstelle an der Weser bei Höxter ("Heristelli, Haristalli, Heristal Saxonicum"), wo für Karls Heer 797/8 Baracken ("mansiones") zum Überwintern gebaut worden waren. "Die militärischen Angelegenheiten bestimmten das öffentlich-staatliche Leben im Frankenreich in höchstem Maße" (Weinfurter S.82). Also bestimmte gewiss auch der Bedarf für Militärversammlungen entscheidend die Auswahl von Pfalzgeländen mit.

Auch die folgende dichterische Beschreibung bezieht das Vorhandensein eines Heeres mit ein. Ein unbekannter Dichter hat in einer lateinischen Versdichtung eine Beschreibung der Paderborner Pfalz anlässlich des Treffens von Karl und Papst Leo im Jahre 799 verfasst (Karolus Magnus et Leo papa in MGH Poetae Latini I, 1881, S. 377).

Darin heißt es zur Lage der Paderborner Pfalz:

Est locus insignis, quo Patra et Lippa fluentant;
Altus et in nudo campo iacet, undique largo
Vestitus spatio; celso de colle videri
Namque potest legio omnis et hinc exercitus omnis,
Castra ducum et comitum, radiantiaque arma virorum.

Es gibt einen ausgezeichneten Ort, wo Pader und Lippe strömen;
Hoch und auf baumlosen Feld liegt er, auf allen Seiten mit reichlich
Platz umgeben; von hohem Hügel zu sehen
Ist nämlich die ganze Mannschaft und von hier das ganze Heer,
das Zeltlager der Herzöge und Grafen und die blitzenden Waffen der Mannen.

Hoch gelegen waren die Pfalzgebäude, gut mit Trinkwasser versorgt und in der Ebene mit viel baumlosem Platz für die Zelte, Menschen (auch die Herzöge und Grafen kampierten in Zelten!) und Tiere des Heeres und anderer Besucher - das waren auch die Vorzüge der Ingelheimer Pfalz.

Und das Ingelheimer Königsland konnte die vielen Besucher auch gut versorgen. Der Verbrauch allein des reisenden Königshofes war nämlich gewaltig - von eingeladenen Vasallen und ihrem Gefolge ganz zu schweigen. Ein namentlich unbekannter niedersächsischer Annalist ("Saxo" genannt) bezifferte den Verbrauch des königlichen Hofes pro Tag im Jahre 968, also ein Jahrhundert später - möglicherweise übertreibend - bei einer Königsgastung in einem Kloster mit folgenden Mengen:

"1000 Schweine und Schafe, 10 Fuder (= ca. 1000 Liter) Wein, 10 Fuder Bier, 1000 Malter Getreide, 8 Rinder, außerdem noch Hühner und Ferkel, Fische, Eier, Gemüse und vieles andere mehr." (MGH SS, VI, S. 622)

Für Ingelheim sprachen sicher auch das milde Klima und der florierende Weinanbau. Dem neu errichtete Kloster Quedlinburg ließ Otto I. 936 als (anfangs einzige) Weinausstattung 10 Fuder Wein aus seinem Hofgut Ingelheim schenken. In der Nähe lag auch ein weiterer Königshof: in Kreuznach.

August Wilhelm Schlegel dichtete im 19. Jahrhundert:

"Es lebe Karl der Große,
Ein echter deutscher Mann,
Und jeder Deutsche stoße
Mit seinem Becher an.

Den edlen Ingelheimer
Zog er bei seinem Schloß,
Wovon schon mancher Eimer
Die Kehl' uns niederfloß."

Auffällig ist, dass alle spektakulären Großbauten, die Einhard aus der Zeit seines Königs namentlich erwähnt (sicherlich nicht alle, die zu seiner Zeit gebaut wurden), an der Rheinschiene liegen: Nijmegen, Aachen (nicht weit vom Rhein), Ingelheim und Mainz. Es muss jedoch sehr viel mehr Großbauten zu Karls Zeiten gegeben haben, z.B. die Pfalz Paderborn und den Verbindungskanal zwischen Donau und Main beim heutigen Dorf Graben an der Altmühl. Und Karl bewegte sich damals auch keineswegs nur in diesem schmalen Raum. Einhard könnte sie in einer bestimmten Absicht für den Adressaten seiner Karlsbiografie, Ludwig den Frommen, ausgewählt haben (s. hier).

Aus der Zeit von Karls Sohn Ludwig, unter dem dieses Regierungsviertel wohl vollendet wurde, konnten bisher keine konkreten Baumaßnahmen festgestellt worden. Es spricht nichts dafür, dass die Bauzeit in Ingelheim sich länger als in Aachen (etwa 10 Jahre) hingezogen haben müsste, es sei denn, dass die angefangenen Bauten wegen der Hinwendung zu Aachen einige Jahre unvollendet liegen blieben. Bis zum Auffinden weiterer archäologischen Befunde, die eine genauere Zeitstellung ermöglichen, können wir uns hierbei nur im Bereich von Spekulationen bewegen.

 

Die Zeit seines Sohnes Ludwig

Das heutige Renommée Ludwigs, der ihn als einziger seiner Söhne überlebte, leidet etwas unter seinem Beinamen "der Fromme", der aber falsche Assoziationen weckt. Denn er war bei aller Eingebundenheit in Kirche und Christentum nicht etwa ein "frömmelnder" Monarch im Sinne des 19. Jahrhunderts, sondern seine Zeitgenossen meinten mit dem lateinischen Beinamen "pius" die schon in Vergils Aeneis dem trojanischen Helden zugeschriebene Eigenschaft Pflichtbewusstein, und zwar dem Vater Karl und Gott gegenüber. Das mittelhochdeutsche Wort "vrum, vrom, from" bezeichnete Eigenschaften wie "tüchtig, brav, ehrbar, gut, tapfer, gottgefällig". Mit demselben Beiwort wurden übrigens auch bisweilen sein Vater und sene Nachfolger benannt.

Außerdem hat ihm die nationale Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts eine Art Schuld an den Teilungen des fränkischen Reiches gegeben, obwohl schon sein Vater einen Teilungsplan hatte beschließen lassen, der aber durch den vorzeitigen Tod der anderen Söhne hinfällig wurde - ein historischer Zufall.

In Ingelheim mag man sich deshalb lieber an den "großen" Karl erinnern, obwohl er so selten hier war, als an seinen "frommen" Sohn, unter dem die Ingelheimer Pfalz erst ein häufig benutzter Ort für Großveranstaltungen von europäischer Bedeutung wurde. Classen (S. 99) charakterisiert die Bedeutung der Ingelheimer Pfalz unter Ludwig folgendermaßen: "Sie dient der großen Repräsentation des Herrschers im Sommer vor den höchsten Vertretern seines eigenen Reiches und gegenüber den auswärtigen Kräften und Mächten."

Als Ludwig im Jahre 814 die Nachfolge seines Vaters antrat, war er bereits 36 Jahre alt. Bis dahin hatte er seit 781 als Unterkönig in Aquitanien (Südwestfrankreich) regiert und brachte von dort seine Vertrauten mit, darunter den Mönch Benedikt (von Aniane) und den Kanzler Helisachar. Die meisten Berater Karls mussten gehen, ebenso die vielen Töchter und unehelichen Kinder Karls, die wohl teilweise ein lockeres Leben in Aachen führten. Einhard jedoch konnte bleiben und wurde ein enger Berater Ludwigs.

Die von Ludwig getroffenen Erbfolgeregelungen hatten nachhaltige Auswirkungen auf das Frankenreich. Zunächst wurde 817 die Thronfolgeordnung ("Ordinatio Imperii") erlassen. Mit ihr sollte die Reichseinheit gesichert werden. Auf der Reichsversammlung von 829 jedoch verfügte Ludwig zu Gunsten seines nachgeborenen Sohnes Karl (von seiner zweiten Frau Judith) eine Änderung, mit der er diese Ordinatio selbst überging. Daher und aus anderen Gründen überschatteten Rebellion, Haft, Kirchenbuße und dauernde Auseinandersetzungen mit den Söhnen die letzten 10 Lebensjahre des Kaisers.

Am 20. Juni 840 starb Ludwig nach längerer Krankheit auf einer Rheinaue vor Ingelheim mit Blick auf seinen vielbenutzten Palast. Er wurde aber - anders als sein Vater Karl in Aachen - nicht etwa hier in "seiner" Pfalz, sondern am traditionellen Bestattungsort seiner Familie in Metz bestattet.

Zur Zusammenstellung von Ludwigs Aufenthalten in Ingelheim

Erste namentlich bekannte "Ingelheimer"

Aus der Regierungszeit Ludwigs des Frommen stammt eine Urkunde des Klosters Prüm (vom 06.02.835), in der ein "exactor palatii ingilenheim“ namens Agano mit dem Kloster Prüm einen Gebietstausch von 30 Morgen Weinbergs- und Ackerland vereinbarte.

Agano war eine Art Amtmann des Königsgutes, "Eintreiber" von Abgaben ("exactio" war die Eintreibung von jeder Form von Abgaben und Steuern); Schmitz, Pfalz und Fiskus, S. 56, nennt ihn einen "obersten königlichen Beamten". Fried (2014, S. 209) erwähnt als Verwalter eines karolingischen Domänen-Amtsbezirkes "iudices" (eigentlich Richter, so allgemein im capitulare de villis für die Leiter von königlichen Fiskalbezirken verwendet; siehe Steinitz 1911; aus Ingelheim nicht bekannt) oder "actores", die vielfach erwähnt werden (z. B. 823 ein "actor dominicus" aus dem Fiscus Frankfurt). Metz (S. 476) vermutet, dass dieser Agano identisch sein könnte mit einem missus und vasallus Ludwigs des Frommen von 821 und 831.

Unterschrieben bzw. gesiegelt haben diese Urkunde vier "Liberi homines", also Freie, mit Namen Gernand, Duodonius, Atto, Willibert, und neun "Fiscalines", also wohl hörige Angehörige des Fiscus Ingelheim, Hugo der Ältere, Williger, Hiltbreth, Albunc, Guntar, Teganolf, Otger, Hildebald und Guntbreth.

Einen "Pfalzgrafen" als Verwalter der Pfalz scheint es unter dieser Bezeichnung in Ingelheim niemals gegeben zu haben.

Das Ende der karolingischen Epoche

Ludwig „der Deutsche“ (852) und Karl „der Dicke“ (882) übertrugen der Frankfurter Pfalzkapelle, die dem hl. Salvator geweiht war, dem Vorgängerbau des heutigen Domes, Einkünfte aus dem Ingelheimer Königshof, die man damals wohl in Frankfurt nötiger brauchte. Das Salvatorstift behielt diese Rechte bis ins 14. Jahrhundert.  Das deutet darauf hin, dass man in der späteren Karolingerzeit und nach den Reichsteilungen, die Ingelheim in eine westliche Grenzlage rückten, andere Pfalzen für wichtiger hielt.

Unter Ludwigs Nachfolgern häuften sich nun Einfälle von Ungarn in Süddeutschland und Normannen (Wikingern) an Küsten und flussaufwärts im Binnenland, ohne dass die Könige viel dagegen ausrichten konnten. Dies förderte im östlichen Frankenreich die Bildung von Stammesherzogtümern (Sachsen, Thüringen, Bayern, Schwaben, Lothringen und Franken). Die Karolinger wurden schließlich von neuen Königen aus dem Gebiet von Niedersachsen bzw. Sachsen-Anhalt abgelöst.

Sie, beginnend mit Otto I., benutzten Ingelheim wieder; sie renovierten Gebäude in der Pfalzanlage und  brachten die Ingelheimer Pfalz (im weiteren Sinne) zu neuer und größerer Blüte.


Die Nutzung
der Ingelheimer "Pfalz"


Die Ingelheimer Pfalz mit ihren Palastgebäuden bildeten über 250 Jahre (bis zum Hochzeitsfest Heinrichs III. 1043) für viele Könige bzw. Kaiser einen wichtigen Ort für hochrangige politische und kirchliche Veranstaltungen, mit Häufungen unter Ludwig dem Frommen, unter den Ottonen und den ersten Saliern (Konrad II. und Heinrich III.).

Als sich jedoch der Schwerpunkt königlichen Lebens im 11. Jahrhundert von ländlichen Pfalzen wie Ingelheim in die mit der Geldwirtschaft aufblühenden Städte verschob, wurde sie – wie andere ländliche Pfalzen auch – nicht mehr in der bisherigen Weise benötigt. Sie verfiel, und ihre Regierungsgebäude wurden vielleicht schon in salischer Zeit, spätestens aber in staufischer Zeit zu einer Burganlage umgebaut, die durch die Einbeziehung des "Zuckerberges" erheblich erweitert wurde.

Spätere Illustrationen (Sebastian Münster) und Baubeschreibungen (s. u.) lassen zwar den Baukörper der Aula regia noch immer erkennen, wissen aber nichts mehr vom Nordflügel und dem Halbkreisbau, deren unter dem Niveau liegenden Ruinenreste schon Sebastian Münster nicht mehr bekannt waren. Für ihn sichtbar waren im Norden und Osten nur noch die Wehrmauern des "Ingelheimer Saals", wie man das ehemalige Palastgebiet nun nannte. Dass diese Wehrmauern immer noch karolingische Außenmauerteile enthielten, dieses Wissen war im Verlauf des Mittelalters verloren gegangen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt man daher die spätmittelalterliche Burganlage für die Kaiserpfalz (siehe zweites Firmenzeichen der Firma Boehringer von 1905). 

Ab dem 14. Jh. wurden die Einkünfte solcher nicht mehr vom König benutzten Königsgüter vielfach verpfändet und die alten oder neuen Gebäude anderweitig verwendet, im Ingelheimer "Kaiser-Saal" (= "in aula nostra imperiali") z. B. als Augustiner-Chorherrenstift

Die Ruinen des ehemaligen Palastes dienten den Bewohnern als Steinbruch und wurden schließlich von ihnen überbaut, wobei einzelne Mauern als Teile der Wehrmauer und neuer Gebäude weiterverwendet wurden und dadurch (glücklicherweise) erhalten blieben. Es gibt also in Ingelheim an vielen Stellen noch aufgehendes Mauerwerk, das aus der Zeit Karls des Großen stammt, also über 1200 Jahre alt ist.

Zur Beschreibung und zu Abbildungen des Ingelheimer Saals bei Sebastian Münster 1545 und 1550.

Zur Beschreibung und den Abbildungen des "kayserlichen Ingelheimer Saals" 1619 von Laurentius Engelhart.

 

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Gs, erstmals: 31.07.05; Stand: 06.11.20