Autor und Fotos: Hartmut Geißler
nach Henn
Der Schwerpunkt der Industrialisierung liegt im Ortsteil Nieder-Ingelheim, gefördert durch die verkehrsgünstige Lage an Straße, Eisenbahn und Selz. Aber auch in der Frei-Weinheimer Gemarkung entstanden Industriebetriebe, weniger in Ober-Ingelheim.
Ingelheimer Industriebetriebe, die vor oder im Ersten Weltkrieg gegründet wurden (und ggf. fortgeführt bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg; in Auswahl):
- Erzabbau auf dem Westerberg gegenüber von Appenheim durch eine deutsch-holländische Aktien-Gesellschaft, ab April 1857 (nach Saalwächter, Namen, BIG 13); Zerkleinerung der Bohnerze, die sich in eisenhaltigem Quellwasser auf dem Berg gebildet hatten, im Hafen von Frei-Weinheim unterhalb des Kranes in Flur II "Am Rahnacker" und von dort Abtransport per Schiff zum Ruhrgebiet; Saalwächter schreibt (S. 58):
"Der Betrieb war beachtlich. Für Fuhrlohn und Wäscherei wurden im Monatsdurchschnitt 3000 Gulden verausgabt. Als mit steigenden Transportkosten das Unternehmen ein Verlustgeschäft wurde, ging es zwischen den Jahren 1860 und 1870 ein."
- "Cementfabrik Nieder-Ingelheim" von Carl Krebs auf dem heutigen Boehringergelände (1863 – 1907). Zu ihr gehörte die "Villa Schneider" in der Bahnhofstraße. Nachdem der Transport des Rohmaterials von der Karolinenhöhe am Mainzer Berg auf Fuhrwerken durch die enge "Obergass" von Nieder-Ingelheim hindurch immer wieder zu Belästigungen und bedrohlichen Situationen geführt hatte, wurde im September 1899 eine Schwebebahn von drei Kilometer Länge über die Grundstraße, die Bahnhofstraße sowie über die Eisenbahn hinweg gebaut. Sie konnte im April 1901 der Benutzung übergeben werden und erfüllte ihren Dienst ohne Komplikationen. Anstoß erregte aber weiterhin die starke Staubemission des Zementwerkes, die auch Gegenstand von Untersuchungen der hessischen Gewerbeaufsicht wurde. So wurde schon 1897 die Entstaubungsanlage als unzureichend kritisiert. Auch die Übernahme des Werkes durch die Portland-Zementwerke Heidelberg und Mannheim (1906) konnte an der mangelnden Rentabilität nichts ändern. Daher kam es schon 1907 zur Stilllegung des Werkes. Einige Maschinen wurden im Weisenauer Werk weiter benutzt. Die Schwebebahn wurde erst später demontiert.
- "Düngemittelfabrik Kahn und Hermann" 1863 im Blumengarten, gegründet von Josef Isaak Hermann, einem Ingelheimer Juden; später kam durch Einheirat noch ein weiterer Ingelheimer Jude hinzu: Heinrich Koch. Die Fabrik stellte aus Tierabfällen Knochenmehl zur Düngung her, was zu erheblicher Geruchsbelästigung führte. Darüber und über die Verschandelung seines Ausblickes auf den Rhein beschwerte sich Wilhelm von Erlanger; die Produktion wurde 1914 eingestellt und die Fabrik endgültig 1918 stillgelegt. Nach dem Tod Heinrich Kochs 1912 erbte seine Tochter Lina das Gelände, das von den Nazis 1938 oder 1939 enteignet wurde. Sie selbst wurde 1942 von Mainz aus nach Polen deportiert und wahrscheinlich in einem Vernichtungslager ermordet.
- Papierstofffabrik, gegründet etwa 1865 durch Dr. Hermann Heyer und Hermann Pistor auf dem "Hammelacker" an der Stelle des neuen Boehringer- Verwaltungsgebäudes an der Selz, 150 Beschäftigte, Produktion bis 1888. Die Fabrik hatte einen hohen Wasserverbrauch, den sie mit Wasser der Selz deckte, und verunreinigte durch ihre Abwässer die Selz so stark, dass es auch von Frei-Weinheimer Fischern Klagen gab; auch hier protestierte Wilhelm von Erlanger gegen die Geruchsbelästigung.


- "Albert Boehringer – chem. Fabrik": Am 24. Juli 1885 erwarb sein Bruder Ernst für den noch jungen Chemiker Albert Boehringer (24 Jahre alt) aus Mannheim eine kleine, in Nieder-Ingelheim an der Binger Chaussee zum Verkauf anstehende Weinsteinfabrik, die damals zwischen 21 und 28 Beschäftigte hatte. Damit begann die lange Erfolgsgeschichte des einzigen Ingelheimer Industrieunternehmens, das aus jener Gründerzeit bis heute noch existiert.
Es firmiert heute unter dem Namen "Boehringer Ingelheim", ist bis heute in Familienbesitz und gehört zu den weltweit führenden forschenden Pharma-Unternehmen mit ca. 140 Gesellschaften und ca. 46.200 Mitarbeitern auf allen Kontinenten, davon 13100 in Deutschland und 7.143 in Ingelheim selbst (+ 386 Auszubildende) (Stand: 2013).
Rechts oben das alte Verwaltungsgebäude, darunter das heutige Verwaltungsgebäude des Weltkonzerns aus Ingelheim.
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Das Unternehmen insgesamt sollte sich besser, als das hier möglich wäre, selbst mit seinen eigenen, ständig aktualisierten Webseiten darstellen.

Ingelheim verdankt Boehringer nicht nur Arbeitsplätze und Gewerbesteuer, sondern auch ein vielfältiges Sponsoring, z. B. bei den Forschungen zur Ingelheimer Geschichte überhaupt ("Ingelheim am Rhein"), zu Sebastian Münster, zur Kaiserpfalz und zur Ingelheimer Rechtsgeschichte, sowie die jährlichen "Internationale Tage Ingelheim".
Die Familie Boehringer unterhält eine Familiengrab auf dem Nieder-Ingelheimer Friedhof.

- Die Neumühle am Unterlauf der Selz (in der Kurve der heutigen Konrad-Adenauer-Straße) als Schwärze- und Farbenfabrik, 1884 bis in die 20er Jahre; sie stellte u. a. Kupferfarben für Kunstdrucke her, die auch ins Ausland exportiert wurden, und firmierte unter der Bezeichnung "Schwarzfarbenfabrik Ott & Co" bzw. nach dem Geschäftseintritt von Otto Hennig "Ott & Hennig". Letzter Geschäftsführer war Dr. Goebel. Sie besaß ein Kesselhaus, ein Maschinenhaus und einen Raum mit Farbmühlen.
- "Chemische Fabrik Rhenania", eine Dachpappenfabrik in der oberen Rheinstraße, gegründet von Dr. Funke, Mattar und Co 1903, in Betrieb bis 1955, damals mit 22 Mitarbeitern. Zu ihr gehörte die "Villa Funke".
- "Chemische Fabrik Frei-Weinheim", Bleiweiß-, Farben-, Weißlackproduktion, später auch Rüstungsbedarf (Gasmaskenkohle, Munitionsbestandteile); die kurz "Bleiweiß" genannte Fabrik lag auf der östlichen Seite der Rheinstraße und wurde von den Herren Dr. Hermann Bopp und Odernheimer 1899 gegründet und 1945 von den Besatzungsmächten demontiert. Über Jahre hinweg musste ihr von Blei kontaminiertes Gelände saniert werden und wurde in den Jahren 2008/09 wieder bebaut.
Die Ingelheimer Chronik bringt einen Zeitungsbericht über sie mit folgender Meldung: "31. Mai 1900 - F.-W. Die von der Firma "Chemische Fabrik Frei-Weinheim" (Dr. Bopp & Odernheimer) ausgeführte elektrische Anlage zu Lichtzwecken und Kraftabgabe ist nun vollendet und bereits in Betrieb gesetzt. Die in den Geschäftsbetrieben der Meister Kern und Krück aufgestellten Motore, welche bereits einige Tage in Tätigkeit sind, funktionieren ganz vorzüglich; auch die gestern abend vorgenommene Probe der Straßenbeleuchtung fiel zum Besten aus und machte der ausführenden Firma alle Ehre." Von ihr wurde also auch Strom für Frei-Weinheim erzeugt ("Kraftabgabe").
- Maehler & Kaege „Fabrik für Spezial-Starkstrom-Installationsartikel und Beleuchtungskörper“

Seit 1907 in Hintergebäuden der Mainzer Straße untergebracht, 1911 wegen starken Wachstums Umzug an die Binger Straße (heute ein Gelände zwischen Rückertstraße, Adenauerstraße und Binger Straße, mit den Gebäuden der Volksbank und der Stadtbücherei; Bild rechts mit Front zur Binger Straße); 1980 hatte sie etwa 400 Beschäftigte. Dann 1989 erneuter Umzug in einen größeren Neubau "Am Großmarkt"; dort Stilllegung 2007 (Bild unten). Im Jahre 2011 Umbau zur neuen Polizeistation (Umzug: April 2011).

- Die Ingelheimer Maschinenfabrik KG (Jäneke)
Die 1882 gegründete Fabrik stellte vor allem Weinpressen und andere Maschinen für den Weinbau her. Nach dem Ersten Weltkrieg trug die Fabrik den Namen des damaligen Leiters Emil Frank, bis sie 1935 in den Besitz der Familie Jäneke überging. Als Produkte kamen nun hydraulische Industriepressen und Hochdruckpresspumpen hinzu, die vielfach exportiert wurden. Anfang der 1960er Jahre stellte die Fabrik ihre Tätigkeit ein (aus: Kalogrias in Meyer/Klausing, S. 273).
An den Namen Jäneke erinnert heute noch das Wohnhochhaus in der Binger Straße 83 gegenüber der Neuen Mitte ("Jäneke-Hochhaus").
- Die Rheinhessische Konserven-Aktien-Gesellschaft
Während des Ersten Weltkriges gründete Adam Heiser im Osten von Nieder-Ingelheim am Beginn der Obstanbauflächen in der Straße "Im Kannengießer" die Rheinhessische Konservenfabrik für Marmeladen und Gemüse. Während der Hoch-Inflationsphase 1924 gab diese Fabrik ähnlich wie Boehringer Notgeld heraus. Im Jahre 1938 wurde sie von der Firma Kathreiner gekauft und fortgeführt, wovon sie den Kurznamen "die Kathra" bekam. Es arbeiteten dort vor allem Frauen, während des Kriegs auch "Fremd-" bzw. "Zwangsarbeiterinnen" aus Osteuropa. Ende der 50er Jahre stellte sie ihre Produktion ein.
- Die "Rheinhessische Energie- und Wasserversorgung", kurz "die Rheinhessische" genannt. Zur Zeittadel zur (Vor-) Geschichte der "Rheinhessischen" (siehe Vey, 50 Jahre)
Seit 1890 wurde in Nieder-Ingelheim ein Gaswerk errichtet, dem auch bald die Wasser- und Elektrizitätsversorgung angefügt wurden. Auf dem jetzigen Werksgelände ließ die Gemeinde mit "energiepolitischem Weitblick durch die Stettiner Chamotte-Fabrik, vorm. Didier, eine Gasanstalt errichten, um Nieder-Ingelheim und die Nachbargemeinde Gau-Algesheim mit eigenerzeugtem Steinkohlengas als Licht- und Wärmespender zu versorgen. 1904 erwarb sie die gesamten Gasversorgungsanlagen zu einem Kaufpreis von 275.000,- Mark und erweiterte die Gasversorgung 1906 auf die Gemeinde Heidesheim und 1928 auf die frühere Gemeinde Frei-Weinheim. Im Jahre 1914 kam es zum Abschluß eines ersten Stromlieferungsvertrages mit der Stadt Mainz." - (Ingelheim 74, S.51)
- Am 16.01.1900 wurde ein neu erbautes Wasserwerk der Gemeinde Nieder-Ingelheim übergeben.
- Auch in Ober-Ingelheim wurde 1900/1901 eine eigene Wasserversorgung gebaut.
Doch am 11. Oktober 1905 schlossen sich aufgrund einer Landesverordnung 23 Gemeinden zu einem gemeinsamen Wasserversorgungsverband des "Selz-Wiesbach-Gebietes" zusammen, das hauptsächlich Wasser von Guntersblum aus erhielt. In Nieder-Ingelheim wurde zusätzlich das Gruppen-Wasserwerk (unten links) gebaut, das Ingelheimer Uferfiltratwasser in das Verbundnetz pumpt.
- Das erste Elektrizitätswerk von Ober-Ingelheim stand an der Ecke Gärtnerstraße/ Untere Froschau, gebaut von Friedrich Wilhelm Freund (heute schön restauriert (Bild links). Es war in Betrieb von 1894 bis 1906, bis ein neues größeres hinter dem Uffhubtor gebaut wurde, das von zwei Dieselmotoren angetrieben wurde (Bild rechts).
- Das Telefonnetz von Ober- und Nieder-Ingelheim sowie von Frei-Weinheim umfasste 1901 insgesamt 32 Teilnehmer. Im Jahre 1906 wurde das neue prächtige Postgebäude in der Ober-Ingelheimer Bahnhofstraße eingeweiht.
- Nach längeren Diskussionen über Trassenführung und Bahnhöfe wurde im Jahre 1904 die Selztalbahn der "Süddeutschen Eisenbahngesellschaft" fertiggestellt, die durch den Ingelheimer Grund von Frei-Weinheim bis nach Partenheim fuhr, viel zu Zuckerrübentransporten benutzt wurde und daher den volkstümlichen Namen "Zuckerlottchen" bekam. Sie musste 50 Jahre später wegen stets mangelnder Rentabilität (!) ihren Dienst wieder einstellen.
- Der Frei-Weinheimer Hafen wurde im Zusammenhang mit der Selztalbahn im Jahre 1905 ausgebaut, er bekam eine neue Mole und einen Dampfkran sowie eine neue Landungsbrücke der Köln-Düsseldorfer Gesellschaft. Seine heutige Form erhielt er erst 1970/71 bzw. nach dem Umbau der Mole 2010/11.
Alles in allem muss man festhalten, dass sich von den vielen Industriebetrieben, die vor dem Ersten Weltkrieg in Ingelheim gegründet wurden, nur Boehringer und die "Rheinhessische" bis heute gehalten haben, unbeschadet eines ansonsten in den folgenden Jahrzehnten und bis heute prosperierenden Gewerbelebens in Ingelheim.
Gs, erstmals 22.02.07; Stand: 25.04.13