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Die Familie Faulhaber in Großwinternheim und Brasilien


Autor: Hartmut Geißler
nach Bänsch 2019 und Unterlagen des Ingelheimer Stadtarchivs


In Großwinternheim lebten früher viele Mitglieder einer verzweigten Familie Faulhaber, die sich bis zu einem Johann Georg Faulhaber zurückverfolgen lässt, der 1683 als Taufpate Erwähnung fand. Dessen zwei Söhne waren die Ahnherren zweier Faulhaberzweige, die einerseits in die in Großwinternheim allein noch verbliebene Familie des früheren Ortsvorstehers Herbert Faulhaber († 1996) mit seinen weiblichen Nachkommen mündet, und andererseits in die Familie des Auswanderers Philipp Heinrich Faulhaber, der 1846 nach Petrópolis auswanderte. Es ist also eine schon sehr weit zurückreichende Verwandtschaft.

Der Auswanderer Philipp Henrich nahm seine ganze Familie mit auf die riskante Reise, seine Frau Anna Barbara, geb. Weidmann, und die fünf Kinder. Ein sechstes Kind wurde noch in Brasilien geboren. Was genau die Familie zur Auswanderung bewog, ist unbekannt, Briefe sind nicht erhalten. Vielleicht erwartete er als Handwerker in Brasilien einfach ein besseres Auskommen als in dem damals doch recht ärmlichen Großwinternheim, in dem der Adels- und Kirchenbesitz in der französischen Zeit unter der bäuerlichen Bevölkerung aufgeteilt worden war. Und diese Erwartung wurde auch in hohem Maße erfüllt.

Man muss annehmen, dass der "Wagner" Philipp Heinrich als Schreiner an den Bau- und Ausstattungsarbeiten des Palastes in Petrópolis (Türen und Fenster) beteilt war. Er starb dort schon am 9. März 1857 mit nur 45 Jahren. Sein ältester Sohn Philipp/Felippe übernahm die Tischlerwerkstatt, heiratete am 27. März 1864 Marie Anne Lauterbach, die gleichfalls aus Deutschland eingewandert war, und bekam mit ihr 14 Kinder. Alle seine fünf Geschwister heirateten ebenfalls in Petrópolis, sodass die erste Einwandererfamilie sich auf insgesamt 42 Enkel vergrößerte, deren Nachfahren einerseits heute noch in Petropolis wohnen, aber auch in Juiz de Fora sowie in Sao Paulo (Bänsch 2019, S. 248).

Felippe nahm auch die Fabrikation von Eisenwerkzeugen in sein Sortiment auf, für die er mit der folgenden Annonce warb, die aus einer maschinenschriftlichen Geschichte der Auswandererfamilie (in portugiesischer Sprache) entnommen ist:

Werbung für die Eisen- und Holzhandlung von Felippe Faulhaber
aus: HISTÓRIA DA FAMÍLIA FAULHABER

Der Text der Anzeige lautet übersetzt:

"Felippe Faulhaber, Sohn und Schwiegersohn,
Kaufhaus für Eisen und Holz, Sägerei usw.
bietet sich an für beliebige Aufträge mit prompter und perfekter Erledigung
Arbeit mit Garantie
Man verkauft Eisen, Stahl, Platten jeder Qualität und Größe, Holz, geschnitten in
demselben Geschäft
Maßvolle Preise
Palatinato 1210 und 1201 sowie Rua Thereza 1000 (=Adressen*)
Telefon Nr. 81
PETRÓPOLIS"

*Beide Adressen liegen an den Südostenden des Planes von 1846.

 

Im August 1904 stattete dieser wirtschaftlich sehr erfolgreiche Felippe seiner Heimatstadt Großwinternheim einen Besuch ab, bei dem er sich vor seinem Geburtshaus mit den damaligen Bewohnern fotografieren ließ. Er ist der dritte von links, mit Spazierstock und Uhrenkette. Dieses Foto hat er signiert mit den Worten:

"Gedenket mein
Felippe Faulhaber
Augusto 1909"

 

Dabei wechselte er von der Sütterlin-Schrift in die ihm gewohntere portugiesische Schreibschrift. Unter einen anderen, in Brasilien verbliebenen Abzug dieser Fotografie schrieb er:

"mein Geburtshaus in Großwinternheim
am 15. September 1909 Philipp Faulhaber
74 Jahre"

Das nicht mehr existierende Haus stand wahrscheinlich auf dem Gelände vor der Volksbank an der Straße nach Ober-Ingelheim (Obentrautstraße 37), heute ein Parkplatz - damals ein geeigneter Platz für die Werkstatt eines Wagners.

Dieser Auswanderersohn Heinrich Faulhaber, geboren 1841 in Großwinternheim, starb laut Sterbeurkunde des Mainzer Standesamtes am 14. September 1926 in Mainz, Hintere Bleiche 1. Er muss seine alte Heimat also noch mindestens ein zweites Mal besucht haben. Angezeigt wurde sein Tod von seiner (zweiten) Ehefrau Anna Maria Faulhaber, geb. Link. Ihr Wohnsitz in Brasilien war damals die Stadt Juiz de Fora (etwa 190 km nördlich von Rio d. J.), in der Rua Marechal Deodoro 734.

 

Gs, erstmals: 02.01.2020; Stand: 14.01.2020